Menashe Lustig stellt seit vielen Jahren tollpatschige Videoclips auf Youtube. Sie sind alles andere als professionell, manche schrammen auch am Infantilen und ziemlich Profanen vorbei, etwa wenn Lustig versucht, mit einem Dampfbügeleisen Eier zu kochen ("Menashe Lustig messes up") oder wenn er beim Pessach-Putz seines Autos ("Pesach Cleaning") in Ermangelung eines tauglichen Putzfetzens kurzerhand zu seiner Kippa greift. Und doch sind diese kurzen Filmchen etwas Besonders. Lustig ist chassidischer Jude, der in einer Gesellschaft lebt, die alles Moderne – vom Fernsehen bis zum Internet – ablehnt. Lustig folgt der orthodoxen jüdischen Tradition, er lebt religiös, aber dennoch ist er ein bisschen anders. Ein bisschen liberaler. Ein bisschen freier. Auch wenn sich das nur darin ausdrückt, dass er immer mal wieder stand-up comedy macht und witzige Clips ins Netz stellt.

Nun ist Menashe Lustig auf die große Leinwand übersiedelt. In "Menashe" (Filmstart in Österreich am 5. Oktober) des US-Regisseurs Joshua Z Weinstein schlüpft er in die Rolle eines Chassiden, der nach dem Tod seiner Frau darum kämpft, seinen Sohn Rieven (Ruben Niborski) alleine aufziehen zu dürfen. Die Familie seiner Frau hat nach Anweisung des Rabbiners (Meyer Schwartz), dem Menashe folgt, den Buben zu sich genommen. Er soll erst wieder zu seinem Vater zurückkehren dürfen, wenn dieser sich wieder verheiratet hat.

"Du bist so ein Tollpatsch", sagt Menashes Chef, Betreiber eines koscheren Supermarkts, in einer Szene zu ihm. Was nicht nett gemeint ist (Menashe hatte gerade berichtet, wie ihm eine Ladung von Gläsern mit gefilltem Fisch zerbrochen war), beschreibt diese tragikkomische Figur sehr gut. Was Menashe angreift, geht nicht unbedingt gut aus. Das Bemühen ist immer da, doch dann kommt ihm seine Unbeholfenheit dazwischen oder wächst ihm alles über den Kopf. Man fühlt mit mit diesem "Schlimasel", der anders als die anderen ohne Hut und Mantel durch den Alltag geht (was von seinem Umfeld bereits als Anderssein und Ausscheren aus der Norm bekrittelt wird) und der immer ein bisschen schlampig, ein bisschen linkisch wirkt.

Spielfilm in Jiddisch

Als der Film vergangenes Jahr beim Sundance Festival Premiere feierte, war dies der erste Kinobesuch Menashe Lustigs. In den begleitenden Zeitungsberichten wurde vor allem herausgestrichen, dass hier die Tür zu einer fremden Welt geöffnet wurde. In der Tat wurde "Menashe" in Borough Park im New Yorker Stadtteil Brooklyn mit Laiendarstellern gedreht und das in einer Sprache, die auch dem Regisseur nicht geläufig ist: In Jiddisch. Das macht für mich auch die große Faszination des Filmes aus. Ein aktueller Spielfilm in Jiddisch, mit deutschen Untertitel. Wer gut zuhört, versteht viel, merkt aber auch, wieviele englische Ausdrücke sich bereits in dieses Jiddisch gemischt haben. Sprache entwickelt sich weiter. Das ist nicht mehr das Jiddisch des Schtetls des 19. Jahrhunderts, das ist eben das Jiddisch des 21. Jahrhunderts in Brooklyn.