Die Trauer in der Wiener jüdischen Gemeinde ist groß. Viele wussten, dass er schwer erkrankt war. Viele vermissten ihn bei Veranstaltungen, zu denen er, wäre es ihm gut gegangen, selbstverständlich gekommen wäre. Und dennoch ist es dann niederschmetternd, wenn die Nachricht eintrifft, er ist nicht mehr. Nun ist es so weit. Der Himmel schüttet Regen über Wien und wir tun es ihm gleich und trauern. Lieber Rudi, es war ein letzter schwerer Kampf, den du wusstest, nicht mehr gewinnen zu können. So hast du um Zeit gekämpft, um Monate, um Wochen.

"Ich bin es, Ihr Leser": Viele Jahre lang war das Rudi Gelbards Begrüßungsritual, wenn er mich bei Veranstaltungen in der jüdischen Gemeinde sah. Später, als wir einander besser kannten, fragte er: "Und, was gibt es Neues?" Informiert zu sein war für ihn, der selbst Jahre lang in der Redaktion des Kurier gearbeitet hatte, wichtig. Dass er dennoch fast schon anachronistisch stets Print vorzog und sich nicht in die Welt des Internet begab, wunderte mich. Als ich ihn danach fragte, gab er eine Antwort, die ich nicht erwartet hatte, die aber so nachvollziehbar war. Er wüsste, dass er dann "ins Uferlose" gehen würde. Er kenne sich. Aber er brauche Ruhe. Und dann erzählte er von jenen Überlebenden der Schoa, die Selbstmord begangen hatten und ließ damit durchblicken, dass es eben auch immer die schweren Momente, die unaushaltbaren Momente gibt.

Theresienstadt überlebt

Rudi Gelbard sah sich als Kämpfer. Als ich vor etwa einem Jahr begann, lange Gespräche mit ihm zu führen, um ihn für "WINA – Das jüdische Stadtmagazin" zu porträtieren, da wurde rasch klar: Die Opferrolle will er sich nicht überziehen. Auch nicht im Rückblick, wenn er über das Wien seiner Kindheit in der Nazi-Zeit erzählte. Auch nicht, wenn er sich an Theresienstadt zurückerinnerte. Rudi wollte nicht als Opfer wahrgenommen werden, sondern als Kämpfer. Er war ein Überlebender, meinte aber, nicht aus dieser Position heraus etwas zu sagen zu haben, sondern deshalb, weil er Zeit seines Lebens gegen Faschisten und Rechtsextremisten kämpfte. Mit Worten, aber in jüngeren Jahren auch schon einmal mit Fäusten.

Mich lehrte er damit, ohne dass dies seine Absicht gewesen wäre, dass es im Leben eben nicht nur schwarz und weiß gibt. Dass am Ende niemand über Moral in bestimmten, unfassbar düsteren Zeiten sprechen darf, der nicht dabei war. Über Gefühle sprach Rudi nicht gern, lieber ließ er Bücher, Zitate, andere für sich sprechen. Worte als Schutzwall. Rudi versuchte immer, mit Fakten zu argumentieren. Mit historischem Wissen. Sehr selten mit Emotionen.