Wer ist Jude oder Jüdin? Hier gibt es laut Orthodoxie eine klare Antwort: Wer von einer jüdischen Mutter zur Welt gebracht wurde oder nach orthodoxem Ritus zum Judentum übergetreten ist. Im Reformjudentum sieht das schon ein wenig anders aus. Auch wenn sich in Europa auch viele liberale Gemeinden an die Mutter-Regelung halten, gibt es vor allem in den USA auch Communities, die Kinder jüdischer Väter und nichtjüdischer Mütter als Mitglieder akzeptieren. Das allerdings führt zu familienrechtlichen Schwierigkeiten. Denn von der Orthodoxie werden sie nicht als jüdisch anerkannt. Ähnlich verhält es sich mit Übertritten in Reform- oder anderen nicht-orthodoxen Gemeinden (da gehört das Conservative judaism eben auch dazu).

Much führt aber noch viele weitere Unterschiede an: Von der Stellung der Frau im Gottesdienst (in liberalen Synagogen sitzen Frauen nicht in einem abgetrennten Raum, sie können ebenso zur Tora aufgerufen werden und es gibt auch Rabbinerinnen) über das Thema Empfängnisverhütung bis zum Umgang mit Schabbat. Da das heutige Leben mit sich bringe, dass nicht jeder in Fußnähe zu einem Gotteshaus wohne, werde es in liberalen Gemeinden vielfach akzeptiert, mit dem Auto oder einem öffentlichen Verkehrsmittel zur Synagoge zu fahren, so Much.

Erhalt des Judentums

Die Kernfrage aber scheint mir zu sein: Welche Ausrichtung wird zum langfristigen Erhalt des Judentums beitragen? Das orthodoxe Judentum, das die Regeln streng auslegt und so dafür sorgt, dass die Religion nicht verwässert wird. Oder das liberale Judentum, das es Menschen möglich macht, einen modernen, vor allem aber an die Mehrheitsgesellschaft sehr angepassten Alltag mit dem Glauben zu verbinden. Beide Seiten haben überzeugende Argumente. Beide Seiten führen an, jene Bewegung mit der wachsenden Mitgliederzahl zu sein. Vielleicht braucht es ja aber eben beide Wege, beide Ausrichtungen, die sich nach innen nochmals in verschiedenste Wege aufsplittern. Nur gemeinsam ist man stark, das zeigt sich nicht zuletzt in Krisenzeiten.

Wenn 2018 ein Attentäter Menschen nur deshalb erschießt, weil sie jüdisch sind, dann sind das Krisenzeiten. Seit Jahren prangern jüdische Gemeinden weltweit steigenden Hass im Netz gegen Juden an, tätliche Angriffe, wie etwa in Deutschland oder Großbritannien, aber auch antisemitisch motivierte Morde wie in Frankreich. Das Attentat von Pittsburgh ist trauriger Höhepunkt einer befremdlichen Entwicklung. Vielfach wird aus meiner Sicht allerdings kleingeredet, was in sozialen Medien passiert. Antisemitismus im Netz, der sei ja nicht so schlimm wie der tätliche. Der sei zu verurteilen, klar, aber das sei doch etwas anderes als körperlich angegriffen zu werden. Das Attentat von Pittsburgh hat aufgezeigt, dass aus dem Hassschreiber im Netz auch ein Mörder im realen Leben werden kann. Der Täter hatte zuvor seinem Antisemitismus in sozialen Medien freien Lauf gelassen.