Wie war das Leben im Ghetto? Oskar Rosenfeld habe darauf geantwortet: "Das Essen war wie zu Jom Kippur, das Wohnen wie zu Sukkot, gekleidet waren wir wie zu Purim", zitierte Moshe Cohn von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem am Dienstag bei einer gemeinsamen Gedenkveranstaltung des Wiener Wiesenthal Instituts für Holocauststudien (VWI) und der Misrachi zum Thema "Belastbarkeit und Widerstand. Leben und lernen unter unmenschlichen Bedingungen" den Chronisten des Ghettos Lodz. Anders als bei anderen Erinnerungsfeierlichkeiten – das Gros findet heuer bereits am 8. November statt, da der 9. November, an dem vor 80 Jahren in Wien Synagogen brannten, heuer auf einen Freitag Abend und damit Schabbat fällt – wollten die Organisatoren hier die Opfer der Schoa nicht nur als Opfer zeigen, sondern das hervorheben, was sie trotz widrigster Umstände dennoch an jüdischem Leben weiterzuführen versuchten.

Zurück zu Oskar Rosenfeld: Was wie ein Witz daherkommt, ist bei näherer Betrachtung todernst. Wer isst wie zu Jom Kippur, hat nichts zu essen – am Versöhnungstag wird gefastet. Wer wohnt wie zu Sukkot, dem Laubhüttenfest, lebt in einer wackeligen Behausung mit undichtem Dach, ohne Heizung, ohne fließendes Wasser. Und zu Purim verkleidet man sich, trägt also keine Kleidung, die man sonst anziehen würde. So geht jüdischer Humor, könnte man sagen. Galgenhumor gar – Rosenfeld überlebte die Schoa nicht, er wurde schließlich nach Auschwitz deportiert, wo er ermordet wurde. Cohn interpretiert diese bitteren Worte aber auch als Bemühen um Kontinuität.

Moshe Tarshansky von der Etzon Foundation in Israel hat sich der rabbinischen Responsa-Literatur angenommen und ist dabei auf vielerlei Fragestellungen gestoßen, mit denen Rabbiner während der NS-Zeit in Ghettos und Lagern konfrontiert gewesen sind. Aus heutiger Sicht sind manche davon schlicht erschütternd – etwa wenn sich Menschen, die im Ghetto so wenig zu essen bekamen (im Warschauer Ghetto waren beispielsweise 184 Kalorien pro Tag und Person vorgesehen), dass täglich Leichen von Verhungerten auf den Wegen zwischen den Häusern lagen, Gedanken darüber machten, ob es, wenn sie zu nicht koscherem Fleisch kommen, ok ist, dieses zu essen. Was aus heutiger Sicht erstaunt, nämlich, dass überhaupt nachgedacht wurde, ob man dies nun zu sich nimmt oder nicht, da auch die Halacha, das jüdische Religionsrecht vorsieht, dass, wenn man sonst verhungert, nicht Koscheres gegessen werden darf, zeigt aber auch, dass Menschen immer noch einen Hoffnungsschimmer sahen und sich ihr künftiges Leben durch eine solche Übertretung nicht schlechter machen wollten.