Anna Wexberg-Kubesch, Initiatorin des Erinnerungsprojekts NEVER/FORGET/WHY?, in der Volkshalle des Rathauses, in dem bis Mittwoch 15.000 Karten für 15.000 nach Theresienstadt deportierte und ermordete Kinder zu sehen sind. Aufgefädelt auf Schnüre veranschaulichen sie die unvorstellbare Zahl abrupt beendeter Leben. - © Alexia Weiss
Anna Wexberg-Kubesch, Initiatorin des Erinnerungsprojekts NEVER/FORGET/WHY?, in der Volkshalle des Rathauses, in dem bis Mittwoch 15.000 Karten für 15.000 nach Theresienstadt deportierte und ermordete Kinder zu sehen sind. Aufgefädelt auf Schnüre veranschaulichen sie die unvorstellbare Zahl abrupt beendeter Leben. - © Alexia Weiss

"Schwarzes, stummes Krematorium

Höllentor, Leichenstoß.

Glitschige, steife Körper schleppe ich,

Grau geworden bin ich über Nacht.

Hier liegt mein Sohn, mein kleiner Sohn.

Die Fäustchen in den Mund gebissen.

Wie kann ich dich ins Feuer werfen – hier!

Deine schönen goldenen Haare. (...)

Elende Sonne, warum schweigst du?

Ich hab alles hier mit angesehen.

Sein Köpfchen haben sie zerschmettert

An der kalten Wand aus Stein.

Deine stillen Äuglein schaun zum Himmel

Und erstarrte Tränen schreien

Sohn! Überall und überall dein Blut!

Und du lebtest doch – nur drei kurze Jahre."

Aron Liebeskind, ein junger Uhrmacher, erlebte, wie die Nazis 1942 seine Frau und seinen kleinen Sohn ermordeten. Über Nacht ergraute der damals erst 24-Jährige und schrieb über diesen unüberwindbaren Einschnitt in sein Leben in Treblinka ein "Wiegenlied für meinen Sohn im Krematorium". Er konnte zwar aus Treblinka flüchten, wurde aber erneut verhaftet und schließlich in Auschwitz ermordet.

Johannes Winkler vertonte unter dem Titel "Musik an der Grenze des Lebens" lyrische Texte, die von Menschen in der NS-Zeit in Momenten unvorstellbaren Leids entstanden oder dieses schilderten, unter ihnen auch das beklemmende Wiegenlied Liebeskinds. Andere Texte stammen von Vlastimil Artur Polák ("Waisenkinder aus Theresienstadt" und "Ich kann nicht mehr lachen", Henri Sternberg ("Das Lied vom Brot"), Hermann Adler ("Tod nur rettet vor dem Tode") oder Ruth Klüger ("Der Kamin").

Die Aufführung von "Musik an der Grenze des Lebens" war Sonntag Abend der Schlusspunkt einer der würdigsten, authentischsten und ehrlichsten Veranstaltungen anlässlich des jährlichen Holocaust-Gedenktages der vergangenen Jahre. 2014 begann Anna Wexberg-Kubesch im Rahmen ihres Erinnerungsprojekts NEVER/FORGET/WHY? für 15.000 in der NS-Zeit nach Theresienstadt deportierte und ermordete Kinder Karten zu gestalten und lud andere ein, dies auch zu tun. Es beteiligten sich Menschen weltweit, unter ihnen auch viele Schüler und Schülerinnen. Nach und nach zeigte sich, wie unvorstellbar und unfassbar diese Zahl 15.000 war.

Installation im Rathaus

Sonntag Abend präsentierte Wexberg-Kubesch die mehr als 15.000 Karten – am Ende trudelten 16.338 Stück bei ihr ein – im Rahmen einer Kunstinstallation ihres Erinnerungsprojekts in der Volkshalle des Wiener Rathauses, wo sie noch bis Mittwoch Mittag zu besichtigen sind. Aufgefädelt auf Schnüre wird in dem großen Saal klar, wie viele Einzelschicksale hinter der Zahl 15.000 stehen. 15.000 sind übrigens ein Prozent der 1,5 Millionen von den Nazis ermordeten Kinder und Jugendliche.