Wenn die einen Rezensenten begeistert sind und die anderen heftig poltern, spätestens dann ist die Lust geweckt, sich selbst in die Lektüre zu vertiefen. Der Autor Tuvia Tenenbom war mir schon als launiger Kommentator bekannt und eine Kolumne zum Thema Abnehmen schwebte quasi noch vor meinem inneren Auge. Sie heißt "Fett wie ein Turnschuh" und erscheint zwei Mal im Monat in der "Zeit" und in einer Episode ging es auch um Cola light, mein absolutes Lieblingsgetränk – daher wohl die Erinnerung. Falls Sie dieser Beitrag nun interessiert, ich habe ihn herausgekramt: http://www.zeit.de/sport/2012-08/tuvia-tenenbom-fitness-tipps-gehen-sex-abnehmen.

Herr Tenenbom hat aber auch ein Buch geschrieben und dieses ist kürzlich auf Deutsch erschienen: "Allein unter Deutschen" (http://www.suhrkamp.de/buecher/allein_unter_deutschen-tuvia_tenenbom_46374.html) heißt es. Ja, auf den ersten Blick ziemlich pointiert, aber der Originaltitel zeigt noch besser, was man erwarten darf: "I Sleep in Hitler’s Room". Typisch amerikanisch fällt einem da gleich ein und dieser Eindruck wird dann auf den ersten Seiten eindrucksvoll bestätigt. Tenenbom ist zwar in Jerusalem aufgewachsen, lebt aber seit 1981 in den USA.
Das färbt ab – wobei mir bewusst ist, dass das natürlich nun meinerseits ein übles Vorurteil ist. Passt aber ganz gut, denn Herr Tenenbom selbst spitzt in seinen Betrachtungen zu Deutschland Vorurteile, Charakterzüge, Dialoge erbarmungslos zu, bis sich die Menschen, die dort leben, zu einem Volk zusammenmischen, dass sich einerseits für sein Deutschtum geniert und sich andererseits permanent mit den Themen Juden, Nationalsozialismus und Israel auseinandersetzt.

Wem das bis jetzt nicht klar ist: Herr Tenenbom ist natürlich Jude. Er reiste nach Deutschland um dort zu ergründen, was die deutsche Mentalität ausmacht. Ein durchaus spannendes Experiment.
Auf Seite 17 wollte ich das Buch allerdings bereits ziemlich entnervt zur Seite legen. Tenenboms Reisezeit fiel just in jenes Jahr, in dem ein isländischer Vulkan beschlossen hatte, auszubrechen. "Drei Tage später hebt mein Flieger ab. Angehörige meiner Familie verschwanden in den Aschen Europas, ich hingegen trickse die Aschewolke aus. Ich bin ein amerikanischer Held. Ich werde Europa besiegen! Deutschland wird zu meinen Füßen liegen wie ein offenes Buch. Das ist jedenfalls der Plan."
Die Passage wirkt wie ein Holzhammer. Die Passage wäre von einem Europäer wohl so nie geschrieben worden. Sie will witzig sein und tut weh und schrammt an der Kategorie "schlechter Geschmack" vorbei. Ich mochte den Aschesatz nicht. Ich mag ihn immer noch nicht. Ich habe aber weiter gelesen.
Der Reisebericht mausert sich. Was Tenenbom hier gelingt, ist, in vielen kleinen Episoden, Gesprächswiedergaben von Unterhaltungen mit Personen mit und ohne großem Namen, ein riesiges Mosaik zu schaffen, das auch den Titel tragen könnte: "Wie die Deutschen ticken".

Sie ticken anders als die Österreicher. Das wird einem beim Lesen von Tenenboms Eindrücken rasch klar. In die ganze Gesellschaft scheint kollektiv ein schlechtes Gewissen, vor allem aber ein Unrechtsbewusstsein eingraviert worden zu sein – jeder weiß, dass der Holocaust unentschuldbar ist und niemals wieder passieren darf. Und dass der Holocaust maßgeblichen Anteil daran hat, dass es schwer fällt, ein stolzer Deutscher zu sein. Außer bei einer Fußball-Europameisterschaft. Da ist das Fahnenschwenken dann für einen Tag lang ganz okay. Das findet übrigens auch Herr Tenenbom, der am Ende doch durchaus auch Positives aus Deutschland zu berichten weiß.

Wie wohl seine Schilderung Österreichs aussähe? Braucht es allerdings überhaupt einen Herrn Tenenbom, um in die Seele der Alpenrepublik zu schauen? Legt diese sie nicht immer wieder ganz von alleine bloß?
Lassen wir einmal die vergangenen Wochen Revue passieren. Da dürfen Burschenschafter, die vergangenes Jahr eigentlich zum letzten Mal in der Hofburg tanzen hätten sollen, heuer erneut einen Ball in den imperialen Räumlichkeiten, die heute der Republik gehören, ausrichten. Sie dürfen das, da ihnen eine im Parlament vertretene Partei gerne als Schild dient und offiziell als Veranstalter des einfach umbenannten Balls dient.

Um ein Aneinandergeraten der Ballgäste sowie ihrer Gegner, die meinen, dass es nicht angeht, dass hier Vertreter von ganz rechts weiter munter in der Hofburg tanzen, zu vermeiden, riegelt die Polizei den Veranstaltungsort großräumig ab. Für eine Kundgebung mit Lesung am Heldenplatz des Bündnisses "Jetzt Zeichen setzen!" wird lediglich ein kleines Areal frei gegeben, bewacht von unzähligen Polizisten, aber auch von oben. Über der Innenstadt kreisen an diesem Abend zwei Hubschrauber.

Was für ein Aufwand, den der Staat hier betreibt, um Menschen zu schützen, die ihrerseits keine Probleme damit haben, Rassismus und auch Antisemitismus zu schüren. Einerseits natürlich paradox, andererseits im Sinn der Demokratie: so blieb gewährleistet dass die einen tanzen und die anderen dagegen protestieren durften, ohne dass es  - offiziell jedenfalls – zu nennenswerten Übergriffen und Auseinandersetzungen kam.

In Oberösterreich wird ein Neonazi-Ring gesprengt, dem man eine Reihe krimineller Taten nachweisen kann. Also wird die politische Komponente unter den Teppich gekehrt und die kriminelle Energie in den Vordergrund gestellt. Was aber, wenn das eine das andere finanzierte? Dazu sagte Peter Gridling, Leiter des Bundesamts für Verfassungsschutz, im ORF-Radio: "Großteils waren es kriminelle Delikte, die mit politischen Aktivitäten nichts zu tun haben." Immerhin sichert er aber zu: "Wenn sich aus dem Gesamtermittlungsergebnis ergäbe, dass damit ein braunes Netzwerk finanziert wurde, dann wird man sich das in die Tiefe weiter anschauen."

Wie Tuvia Tenenbom wohl einen Bericht über Österreich betiteln würde? "Die Reise unter den Teppich" – "Im Land der Täter" – "Sehr allein unter Österreichern" – "Frühstück in Braunau" - ... Lassen Sie Ihrer Phantasie freien Lauf!