Es ist wieder einmal diese Zeit im Jahr. "Wie weit bist du?" – "Mir fehlen noch die Fenster." – "Die Kinderzimmer!" – "Es wird sich nicht ausgehen." – "Es ist schon alles eingekauft." Für orthodoxe Familien und insbesondere die Frauen bedeutet Pessach Stress pur. Die Wohnung muss blitzblank sein, die Küche von Chametz – Lebensmittel, die Gesäuertes enthalten, wie Brot, Nudeln, Kuchen (und seien es nur Reste, Krümel, angebrochene Packungen) – befreit werden. In den Schultaschen der Kinder könnten sich noch Bröseln befinden, in Manteltaschen, in Sofaritzen. Who knows.

Wenn Montag Abend das diesjährige Pessachfest mit dem ersten Seder beginnt, sind die Wohnungen in religiösen, aber auch in vielen traditionellen Haushalten so richtig frühlingsdurchgeputzt. All das, was zwar geputzt ist, man sich aber nicht sicher sein kann, ob wirklich jeder Chametz entfernt wurde, beziehungsweise Mölbelstücke und ganze Zimmer, in denen sich Chametz befindet, die man über Pessach nicht nutzt, kann man übrigens symbolisch verkaufen. Dazu gibt es Standardschriftstücke, die man dem Rabbiner seiner Gemeinde bis spätestens Montag Früh übermitteln muss.

Eine Passage aus solch einer "Vollmacht für den Verkauf von Chametz" (zitiert wird aus der in Wien von der chassidischen Chabad-Bewegung angebotenen Variante) liest sich wie folgt: "Wisset, dass ich, der Unterzeichnende, Rabbiner Xyz ermächtige, an meiner Stelle allen Chametz zu verkaufen, den ich wissentlich oder unwissentlich besitze, in solcher Weise, wie es von der Thora und dem rabbinischem Gesetz vorgeschrieben wird (d.h. Chametz, möglicher Chametz, welcher in Pfannen und Töpfen hart geworden ist, oder sich an Koch- und Essbesteck festgesetzt hat."

Hochbetrieb herrschte dieser Tage auch in den koscheren Geschäften. Selbst jene, die sich das ganze Jahr über nicht an die jüdischen Speisevorschriften halten, brauchen für die kommende Woche jede Menge Matzot. So nennt man die flachen, dünnen, knusprigen, nicht gesäuerten Brote, die zu Pessach auf den Tisch kommen und an den Auszug aus Ägypten erinnern, als man keine Zeit hatte, den Teig aufgehen zu lassen.

Auf der Sederplatte werden sich Montag und Dienstag Abend die weiteren symbolischen Speisen finden: ein Knochen, der an das gebratene Lamm erinnert, das die Juden vor dem Auszug aus Ägypten verspeisten. Ein Ei, als Symbol der Trauer. Bitterkraut (zum Beispiel Salat, Petersilie …), das für die Unterdrückung im Land des Pharaos steht. Charosset, ein Gemisch aus geriebenen Äpfeln, Nüssen und Rotwein, das den Lehm darstellt, aus dem die Ziegel für die Pyramiden gefertigt wurden. Und schließlich Gemüse wie Kartoffeln oder Zwiebeln oder Karotten, das an die Fronarbeit erinnert.

Während die einen – siehe oben – die Tradition hier sehr genau nehmen, stellen sie andere in Frage, ohne das Fest an sich in Frage zu stellen. Der Amerikaner Gary Smith, der das ganze Jahr über vegan lebt, gestaltet beispielsweise mit seinen Freunden seit drei Jahren einen veganen Seder. "Veder" nennen sie das neu gestaltete Mahl, das auf der Sederplatte ebenfalls die traditionellen Speisen serviert – allerdings in anderer Form. Der Knochen wird beispielsweise aus Tofu geformt und erinnert an ein Hundekeks. Beim Wein wird darauf geachtet, dass im Herstellungsprozess keine tierischen Zutaten (wie Eier oder Gelatine) zum Einsatz  kamen.

Die Matzeknödel, die Suppeneinlage, die zu Pessach traditionell gegessen wird, kommen in dieser Variante ohne Eier aus. Smith meint, man solle Pessach nicht nur nutzen, um an die Versklavung der Juden unter dem Pharao zu erinnern, sondern das Fest auch zum Anlass nehmen, Tiere nicht weiter auszunutzen, zu schlachten, zu unterdrücken. Smith‘ ganz persönliche Gedanken dazu kann man etwa hier nachlesen: www.tikkun.org/tikkundaily/2013/03/19/exploring-the-shared-values-of-vegans-and-jews-at-passover/ .

In unserer (nicht extra durchgeputzten) Küche stapeln sich auch dieses Jahr neben den Packungen mit den traditionellen Matzot jene, die in Schokolade getunkt wurden und sich als Dessert besonderer Beliebtheit erfreuen. So kann man großzügig auf Brot und Küchen verzichten, ohne dass einem wirklich etwas abgeht. Grundsätzlich ist es ja so: ja, diese Woche bedeutet Verzicht. Mit Fasten hat das aber wenig zu tun. Wer schon einmal ein Pessach-Festmahl miterlebt hat, weiß: hier gibt es Essen ohne Ende. Am besten man verkauft mit seinem Chametz auch die Waage gleich mit.