Wenn man heute den Begriff "arrangierte Ehen" hört, denkt man in einem ersten Impuls: wie rückständig. Wie unmodern. Wie frauenfeindlich. Rasch wird aber auch ein Konnex zur islamischen Welt hergestellt. Wer hat sie nicht vor Augen, die Geschichten über Zwangsverheiratungen junger deutscher Frauen türkischer Herkunft. Die Reportagen aus verschiedensten Ländern Afrikas, aus Afghanistan oder Pakistan. Um nur einige Beispiele zu nennen.

Wie aber funktioniert die Partnerwahl im sehr orthodoxen Judentum, das in vielen Lebensbereichen Geschlechtertrennung vorsieht, sodass auch hier ein Kennenlernen nur schwer möglich ist? Ja, auch hier gibt es sie, die "arrangierten Ehen". Sie kommen allerdings anders zustande, als man sich das so landläufig vorstellt. Und wenn man mit Vertretern der Orthodoxie spricht, kommt man schon ins Grübeln: Ist das wirklich rückständig oder einfach nur lebensnah? Praktisch? Vielleicht sogar Erfolg versprechender als so manche "Liebesheirat"?

Zur Praxis: Ist eine junge Frau, 18, 19, 20 Jahre alt und ein junger Mann, 20, 21, 22, dann ist sie oder er im richtigen Alter für den Heiratsmarkt. Die orthodox lebenden Gruppierungen innerhalb der europäischen jüdischen Gemeinden sind von ihrer Größe her überschaubar, jeder kennt jeden und ist mit Gemeindemitgliedern in anderen Ländern verwandt oder befreundet. Dazu kommen die weitschichtigen Familien in Israel und den USA.

Und so strecken die Eltern, in Europa heute seltener der professionelle Heiratsvermittler, Schadchen genannt, ihre Fühler aus. Man fragt an, wen es in dieser oder jener Stadt gäbe, der in Frage komme. Man stimmt ab, ob beide für eine Zeit lang in Israel leben wollen, ob er bereit ist, etwa nach London zu ziehen oder sie, nach Wien zu kommen. Und dann kommt es zu einem ersten Zusammentreffen, meist in der Wohnung der Familie der jungen Frau, bei dem auch ihre Eltern anwesend sind. Man unterhält sich, sieht, ob man einander sympathisch ist oder nicht. Es kommt zu einem zweiten, dritten solchen Treffen – und dann sollte schon bald klar sein: Kommt hier eine Verlobung und in der Folge Heirat zustande oder nicht.

Was aus meiner Sicht sympathisch ist: beide jungen Menschen haben hier die Möglichkeit, auch nein zu sagen. Die künftigen Partner sind in etwa gleich alt – eine Übervorteilung durch Alter ist also nicht vorprogrammiert. Was aber vor allem gegeben ist: ein Lebensentwurf, den beide von Anfang an teilen. Der Grad der Religiosität, der Alltag im Jahreskreislauf der jüdischen Feste und im vom Schabbat vorgegebenen Wochentakt, der Wunsch nach Kindern und die Art ihrer Erziehung: all das ist von Anfang an klar. Ein Angleichen, Kompromisse schließen, über den eigenen Schatten springen ist hier nicht nötig.