Was mich zur Frage bringt: kann politisches Geschehen eben immer erst mit zeitlichem Abstand aufgearbeitet werden? Braucht der Mensch hier einen Puffer? Wieviele Generationen müssen hier dazwischen liegen?

Österreichern wirft man immer vor: der Wandel von der Opferrolle bis zum Täterbekenntnis habe zu lange gedauert. Man muss Verantwortung übernehmen. Sofort.

Interessant war, was der israelische Journalist und Historiker Tom Segev, diese Woche zu Gast bei der Archiv-Konferenz in Wien, zu erzählen hatte: dass sich auch in Israel das Bild des Holocaust wandle. In den Nachkriegsjahren stand auch dort der Blick nach vorne im Mittelpunkt. Die Vergangenheit zur Seite schieben und eine neue, bessere Zukunft aufbauen. Das Thema wurde innerhalb von Familien regelrecht tabuisiert. Daher wurde auch in Israel zunächst wenig Energie darauf verwandt, Kriegsverbrecher aufzuspüren.

Erst seit Kurzem werde der Holocaust in Israel anders betrachtet, betont Segev. Lange musste er schlicht als Beweis dafür herhalten, dass der Staat Israel eine Notwendigkeit ist. In letzter Zeit reife aber die Erkenntnis, dass es sich dabei um einen Genozid handelte. Und dass es auch andere Genozide gab beziehungsweise gibt. Und dass man aus der Forschung über die Schoa auch etwas über andere Genozide lernen kann. Außerdem gibt es heute das Bewusstsein, dass der Holocaust nicht weggewischt werden kann. Kein Tag, an dem in Israel nicht in irgendeiner Zeitung ein Beitrag über die Schoa veröffentlicht werde. "Der Holocaust ist einfach immer da", so Segev.

Der Schlussstrich funktioniert also nicht – weder auf der nichtjüdischen noch auf der jüdischen Verdrängerseite. Offenbar kann man die Zukunft nicht gestalten, ohne die Vergangenheit verdaut zu haben. Wobei es manchmal den Anschein hat, dass eine einmalige Verdauung nicht reicht, sondern manche Themen, Aspekte in Wiederkäuermanier immer wieder durchleuchtet und analysiert werden müssen. Mit immer neuen Erkenntnissen.

Vielleicht hängt das einfach auch damit zusammen, dass bei der historischen Forschung eben immer Menschen involviert sind. Nicht, dass der Forscher, der chemische Experimente macht oder mathematische Berechnungen anstellt, nicht auch ein Mensch ist. Naturwissenschaftliche Forschungen sind aber nachvollziehbarer. Da kann gemessen, gerechnet, verglichen werden.

Wenn es in den Bereich der Oral History geht, die gerade in der Schoa-Forschung eine große Rolle spielt (Erinnerungen von Überlebenden), zählt eben auch die Art der Fragestellung, die Weise, wie danach ein Protokoll erstellt wird, welcher Erzählung Relevanz eingeräumt wird, ob nur die vordergründigen Fakten wichtig sind oder auch die Art des Sprechens, der Grund für Auslassungen in einer Erzählung, das Zusammenspiel von Familienmitgliedern. Spannend.