Juden mit Schmiss: was uns heute einfach nur absurd vorkommt, das gab es im 19. und Anfang des 20. Jahrhundert. Ich wurde in der vergangenen Woche, nach Erscheinen des Blogeintrags "Chanukka-Kneipe" mehrmals auf diesen Umstand angesprochen. Und so möchte ich das Thema erneut angreifen und einen Blick zurück in die Geschichte machen.

Lange waren Juden nicht an Universitäten zugelassen. Es ist heute kaum vorstellbar, aber rechtliche Gleichstellung erlangten Juden in der Habsburgermonarchie erst 1867. Und auch dann war ihnen der Staatsdienst noch verschlossen. Wenn sie studierten, entschieden sie sich also meist für Rechtswissenschaften und Medizin, Berufe also, die sie dann frei ausüben durften. In Wien waren gegen Ende des 19. Jahrhunderts etwa zehn Prozent der Einwohner jüdisch – aber jeder zweite Rechtsanwalt und Arzt war Jude. Genetzwerkt wurde damals vor allem über Studentenverbindungen. Daher wollten auch Juden Mitglied werden, was zunächst auch in manchen akzeptiert wurde.

Doch zunehmend wurde der Wind rauer. Neid und stärker werdender rassisch begründeter Antisemitismus führte schließlich zu den Waidhofener Beschlüssen von 1896. Durch diesen wurde Juden die Satisfaktionsfähigkeit abgesprochen. Konkret heißt es darin: "In Anbetracht der vielen Beweise, die auch der jüdische Student von seiner Ehrlosigkeit und Charakterlosigkeit gegeben, und da er überhaupt der Ehre nach unseren deutschen Begriffen völlig bar ist, fasst die heutige Versammlung deutscher wehrhafter Studentenverbindungen den Beschluß: Dem Juden auf keine Waffe mehr Genugtuung zu geben, da er deren unwürdig ist!"

So wurden nach und nach jüdische Studentenverbindungen gegründet – einige von ihnen übernahmen auch die Tradition, Mensuren zu fechten. Eine der ersten in Österreich war die 1882 in Wien gegründete JAV (Jüdisch akademische Verbindung) Kadimah, der zum Beispiel Nathan Birnbaum, Sigmund Freud und Fritz Löhner-Beda angehörten.

Am Ende scheiterte auch dieser Versuch, es der Mehrheitsbevölkerung gleichzutun, sich zu assimilieren. Die Nazis lösten die Verbindungen 1933 in Deutschland, 1938 in Österreich auf – und es gab nach 1945 keine Neugründungen. Jüdische Studierende mit Schmiss wird man daher heute an Österreichs Unis nicht mehr begegnen – außer sie wären Mitglied in einem Corps, die – wie vergangene Woche berichtet – jüdische Studierende gerne in ihren Reihen aufnehmen würden, aber grundsätzlich mit Nachwuchsmangel kämpfen.