Kinderrechte versus Religionsfreiheit, einfacher Eingriff versus Verstümmelung, Vorteile für die Frau beim Sex versus herabgesetztes Empfinden beim Mann: Montag Abend wurde im Depot über das Thema Beschneidung – die männliche Form – diskutiert und dabei gingen die Wogen zwischen Befürwortern und Gegnern erwartungsgemäß hoch. Am Podium: der Beschneidungskritiker Jérôme Segal, er ist Historiker, Mitglied der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien und bezeichnet sich selbst als Atheist, der Journalist Amer Albayati von der Initiative liberaler Muslime und die Historikerin Hava Mühlhofer-Gurion als Vertreterin der IKG. Die Mittlerrolle kam dem Politikwissenschafter Thomas Schmidinger zu, der alle Hände voll zu tun hatte, dem teils erzürnten Publikum beider Lager ausgewogen das Wort zu erteilen.

Segal berief sich auf eine Studie aus Dänemark, laut der fünf Prozent der Beschneidungen nicht komplikationslos verlaufen. Für ihn ist die Beschneidung, vor allem bei Säuglingen und Kindern, ein Eingriff in das Recht auf einen unversehrten Körper und der vorgenommene Eingriff, also die (teilweise) Entfernung der Vorhaut, sieht er als "Verstümmelung". Er sieht viele Gemeinsamkeiten zwischen männlicher und weiblicher Beschneidung – letztere sei in der westlichen Welt allerdings verboten, die männliche dagegen nicht.


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Dossier: Beschneidung
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Segal verwies auf jüdische Beschneidungskritiker in den USA und Israel und die "Brit Schalom" – dabei werde das Kind willkommen geheißen, ohne dass dabei ein Messer zum Einsatz komme. Aussagen, etwa von Charlotte Knobloch, Präsidentin der IKG München, sowie des heutigen Ehrenpräsidenten der IKG Wien, Ariel Muzicant, wonach ein Verbot der Beschneidung einem Verbot der Religionsausübung gleich komme und man Juden damit zwinge, das Land zu verlassen, bezeichnete Segal als "Auschwitzkeule". Muzicant hatte angesichts der Diskussion um ein Kölner Urteil vor rund zwei Jahren, das die Zirkumzision zunächst verbat, von einer Vernichtung der Juden "mit geistigen Mitteln" gesprochen.

Hava Mühlbacher-Gurion hielt dem entgegen: es gebe im Judentum keine Zwangsbeschneidung – die Entscheidung liege bei den Eltern. Sie trete – und dies in ihrer Rolle als Frau und Mutter – für die Beschneidung ein, aus hygienischen, ästhetischen, aber auch sexuellen Motiven. Und was den Zeitpunkt der Beschneidung betreffe, sei das Säuglingsalter ideal, da dann das Schmerzempfinden nicht so hoch sei.