"Was haben denn diese Dschihadisten mit Judentum zu tun? Ich hab gedacht, du schreibst über die Wiener jüdische Gemeinde", bekam ich vergangene Woche im Bekanntenkreis zu hören. Und ja, ich schreibe in diesem Blog über das Judentum, aber eben auch darüber, was Jüdinnen und Juden in Wien bewegt. Wie sehr der islamistische Terror die Gemeinde beschäftigt, war diese Woche bei der Grundsteinlegung des Wiener Wiesenthal Instituts (VWI) unüberhörbar. Am Rabensteig 3 sollen künftig all die Dokumente, die Simon Wiesenthal hinterlassen hat, aber auch die Holocaust-relevanten Teile des Archivs der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien der Forschung zur Bearbeitung zur Verfügung stehen.

Hier geht es darum, aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen, damit so etwas wie die Shoah niemals mehr passieren kann.
Doch das "Niemals wieder" rückt dieser Tage ferner statt näher. In einer Moschee in der Leopoldstadt spreche ein Hassprediger, prangerte IKG-Präsident Oskar Deutsch im Rahmen des Festakts bei der Grundsteinlegung an und verwies auf einen entsprechenden Bericht des Mediums "Heute". Er appellierte an die Politik, aber auch an alle Religionsgemeinschaften, gegen Antisemitismus aufzutreten. "Wir Juden wollen hier in Wien ein Leben haben, wie wir es auch in den letzten Jahren genossen haben."

Die Gefahr, sie kommt heute weniger von rechts, sondern eben mehr von muslimischen Antisemiten. Bei Attentaten in Bordeaux und Brüssel auf jüdische Einrichtungen (wobei es sich in Brüssel um ein Museum handelte) wurden Menschen getötet. Bei Protesten gegen Israel im Zug der Gaza-Krise diesen Sommer wurde in den Straßen von Paris "Tod den Juden" skandiert. IKG-Ehrenpräsident Ariel Muzicant machte im Rahmen seiner kurzen Ansprache am Rabensteig klar: Juden seien aber immer nur die ersten Opfer. Das sei erst der Anfang. Daher gelte es, gesamtgesellschaftlich hier an einem Strang zu ziehen. Er forderte daher ein Verbotsgesetz ein, das Islamismus und dessen Unterstützung unter Strafe stellt – nicht nur in Österreich, europaweit. Hier greife eine "absurde barbarische Ideologie" um sich.

Muzicant will aber auch verstärkt Brücken bauen – zu der islamischen Gemeinde in Österreich. "Immer mehr Mitglieder der islamischen Gemeinde kommen und sagen, das hat mit dem Islam nichts mehr zu tun. Wir müssen also schauen, dass wir mit den moderaten Moslems eine gemeinsame Sprache finden und dass wir gemeinsam mit den Regierungen und mit den politischen Eliten einen Schutzdamm bauen."

Diese Woche betonte die Islamische Glaubensgemeinschaft auch in einer Aussendung, dass man Extremisten den Kampf ansage. Im Moment haben viele Wiener Jüdinnen und Juden allerdings dennoch das Gefühl, dass über "schwarze Schafe" in der Islamischen Glaubensgemeinschaft schützend die Hand gehalten werde. Nachdem "Heute" das Agieren des Hasspredigers Adnan Ibrahim öffentlich gemacht hatte, beschrieb ihn die Islamische Glaubensgemeinschaft IGGiÖ als aufgeklärt und reformorientiert. Von Übersetzungsfehlern war zunächst die Rede. Unterdessen wurde aber auch ein Video von April 2013 auf youtube bekannt, in dem der Prediger unter anderem folgendes sagt: "Rabbiner sind diejenigen, welche die Worte Gottes manipuliert und verändert haben. Deshalb sind die Juden verflucht." (Link zu dem Video: http:/www.youtube.com/watch?v=sUvjUjaEedU)

Die IKG ihrerseits setzt in den vergangenen Jahren unter der Präsidentschaft Oskar Deutsch‘ massiv auf den Dialog mit der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft, auf eine Öffnung der Gemeinde, den Abbau von Berührungsängsten. Kommenden Sonntag lädt die IKG Wien daher wieder einmal zu einem Tag der offenen Tür. Zwischen elf Uhr vormittags und fünf Uhr nachmittags werden Führungen durch den Stadttempel in der Seitenstettengasse, Kantorenkonzerte mit Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg und Oberkantor Shmuel Barzilai geboten. Der Wiener Jüdische Chor unter der Leitung Roman Grinbergs tritt auf und koschere Leckerbissen werden gereicht. Viel Wissenswertes bieten zahlreiche Informationsstände. Vor allem gibt es hier die Möglichkeiten, mit Vertretern der Wiener jüdischen Gemeinde ins Gespräch zu kommen.