Es war am heutigen Montag das Thema Nummer eins: mit wem immer man von der Wiener jüdischen Gemeinde gesprochen hat – die Empörung war groß. Viele sind dem Aufruf der Bundesregierung sowie der in Österreich anerkannten Religionsgemeinschaften gefolgt und haben Sonntag Nachmittag an der Kundgebung unter dem Motto #jesuischarlie am Ballhausplatz teilgenommen.

Aus Solidarität mit den Opfern der Terroranschläge in Paris in der vergangenen Woche. Aus einem politischen Bedürfnis heraus, aufzustehen und sich klar für die Meinungsfreiheit zu positionieren, aber auch: gegen Terrorismus. Und um gegen Antisemitismus zu protestieren. Nur leider war dieser Begriff am Ballhausplatz nicht zu hören. Und auch das Wort Juden fiel nicht. Obwohl sechs der letzte Woche Getöteten Juden waren, obwohl der Anschlag auf den koscheren Supermarkt schlicht aus Antisemitismus erfolgte.

"Warst du gestern dort?", fragte mich eine Bekannte, die ich nachmittags in der Innenstadt traf. "Warst du gestern dort?", fragte mich eine Kollegin, mit der ich kurz zuvor telefoniert hatte. "Warst du auch so entsetzt?", ihre nächste Frage. Entsetzt? Schwierig zu beantworten. Mein Mann und ich hatten unsere inzwischen fast neunjährige Tochter mitgenommen zu der Kundgebung und so ging es zunächst einmal vor allem darum, ihr zu erklären, was wurde da gesprochen, was soll das bedeuten, wozu hält man eine Schweigeminute ab, was ist die Ring-Parabel und was will sie uns sagen?

Aber danach, als ich noch einmal für mich rekapitulierte, da hatte ich das Gefühl: es war eine würdige Veranstaltung – aber es hat etwas gefehlt. Warum wurden die jüdischen Opfer nicht explizit erwähnt? Warum wurde der Antisemitismus in Frankreich nicht angesprochen - weder von der Moderatorin Barbara Stöckl noch in der von der Regierung verfassten Erklärung?

Auf Facebook gab es rasch ähnlich lautende Erklärungen zu lesen. Der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), Oskar Deutsch, schrieb beispielsweise noch Sonntag Abend: "Kundgebung am Ballhausplatz: eine Schande! Es wurde nicht einmal das Wort JUDE oder JÜDISCH erwähnt!!! Beschämend!"

In einem Offenen Brief unter dem Titel "Alle sind Charlie, keiner ist Jude" wandte sich die IKG heute auch direkt an die Bundesregierung. "Es erfüllt die Israelitische Kultusgemeinde mit Befremden und Trauer, dass bei der gestrigen beeindruckenden Gedenkkundgebung am Ballhausplatz vergessen wurde das Wort "jüdische Opfer" auch nur ein einziges Mal zu erwähnen. Dabei war die Kultusgemeinde sogar als eine der Religionsgemeinschaften Miteinlader", heißt es darin.