Grundsätzlich wird eine Eheschließung mit einem Partner des anderen Geschlechts erwartet – egal, ob man sich persönlich nun als hetero- oder homosexuell fühlt. Doch auch in der Orthodoxie gibt es immer mehr Menschen, die sich auch nach außen zu ihrer Homosexualität bekennen. Wollen sie weiterhin ein observantes jüdisches Leben führen, haben sie eine schwierige Position.

Mit dem Spruch des US Supreme Court, wonach homosexuelle Paare in den USA landesweit eine zivile Ehe eingehen können, sehen sich auch die verschiedenen Religionsgemeinschaften – interne Debatten werden nicht nur im Judentum, sondern auch in den verschiedenen christlichen Kirchen geführt - genötigt, hier ihre Positionen zu finden und abzustecken.

Während das Reformjudentum schon seit geraumer Zeit gleichgeschlechtlichen Partnerschaften offen gegenübersteht und manche Gemeinden sogar Segnungen solcher Verbindungen vornehmen, ist das in der Orthodoxie naturgemäß anders: der Mainstream wendet sich hier nach wie vor sowohl gegen ausgelebte gleichgeschlechtliche Sexualität als auch gegen die Ehe zwischen zwei Männern oder zwei Frauen.

Das Judentum ist aber auch seit jeher eine Religion, in der um Standpunkte gerungen und debattiert wird und am Ende eben auch verschiedene Meinungen und Auslegungen nebeneinander stehen können. Im aktuellen Diskurs in den USA hatte sich das Gros der orthodoxen jüdischen Gemeinden zwar klar gegen eine Gleichstellung der hetero- mit der homosexuellen Ehe gestellt. Aber es gibt Stimmen einzelner Rabbiner, die aufhorchen lassen.

So veröffentlichte beispielsweise der orthodoxe New Yorker Rabbiner Awi Weiss in der israelischen Tageszeitung Haaretz einen Beitrag mit dem Titel "Why I, as an Orthodox rabbi, support legalizing same-sex marriage". Um es vorwegzunehmen: keiner der im Folgenden zitierten Rabbiner befürwortet religiös geschlossene gleichgeschlechtliche Ehen oder würde selbst eine solche Zeremonie vornehmen. Aber Rabbiner Weiss befürwortet die zivile Ehe, auch für homosexuelle Paare. Warum? Über die Jahre habe er viele homosexuelle Paare kennen gelernt, die liebevolle und vorbildliche Beziehungen führen würden – "ich weiß das aus erster Hand, denn einige von ihnen sind Mitglied meiner Gemeinde". Natürlich gebe es auch die anderen, die ein unethisches Leben führen würden – das gelte für Heterosexuelle aber gleichermaßen.