Observante Juden und Muslime folgen den Speisegesetzen ihrer Religion. Im Islam bedeutet das unter anderem den Verzehr von halal geschlachtetem Fleisch, im Judentum gelten die Kaschrut. In beiden Fällen werden Tiere von Hand geschlachtet – und das auch völlig in Übereinstimmung mit dem geltenden österreichischen Recht. Im 2012 überarbeiteten Israelitengesetz wurde die Produktion koscherer Lebensmittel, und damit auch das koschere Schlachten, zum Beispiel explizit als Recht der Religionsgemeinschaft festgehalten.

Umso mehr irritiert es, wenn man dieser Tage Headlines wie diese liest: "Geschächtete Tiere am Würstelstand?", titelte nun die Wiener Bezirkszeitung. Im Blattinneren folgt ein "Pro & Contra": ein solcher Würstelstand sei "eine echte Provokation", ist da zu lesen. Und: "Müssen jetzt sogar unsere Wiener Würstel halal werden? Was kommt als nächstes?" Die Befürworterin hält dagegen fest: die Flüchtlinge würden sich nicht besser integrieren, wenn man sie zwinge Schweinsschnitzel zu essen.

Bei den Leserkommentaren findet nur die Contra-Argumentation Befürworter. Halal sei zu 100 Prozent abzulehnen, heißt es da, oder es würden nicht Würsteln, sondern "mehr Wohnungen für eigene Bürger gebraucht". Und: mit solchen Aktionen werde die Gesellschaft mit einem "gewaltigen Keil" auseinandergetrieben.

Der Halal-Würstelstand ist ein Projekt im Rahmen des diesjährigen SOHO in Ottakring Festivals (4. bis 18. Juni 2016) und wird von den Organisatoren als "transkulturelle Intervention" verstanden. "Das Angebot an österreichischen Würstelständen stellt für gläubige Muslim_innen teilweise ein Tabu dar. Gemeinsam mit einem Fleischer wird an Wurstwaren gefeilt, wie zum Beispiel Käsekrainer etc., die halal zubereitet sind." Verkauft werden sollen die Wurstwaren dann von Flüchtlingen. So bekommt dieses Kunstprojekt eine doppelte Botschaft: aufmerksam machen wollen die Initiatoren auch darauf, dass Asylwerber während des laufenden Asylverfahrens nicht arbeiten dürfen.

Es gibt an einigen Wiener Würstelständen bereits vegane Würstel. Das gilt als hip und trendy – und Negativreaktionen drücken sich hier allemal in einem sich lustig machen über Veganer aus. Aber sieht irgendjemand die Wiener Würstelkultur durch pflanzliche Ersatzprodukte in Gefahr? Mitnichten.

Aber wehe es kommt das Wort Schächten ins Spiel. Dann ist sofort ein Shitstorm im Anrollen – man erinnere sich an das Halal-Angebot der Supermarktkette Spar und die hasserfüllten Reaktionen. Nun bietet Spar kein Halal-Angebot mehr an.

Vordergründig wird dann oft mit Tierschutz argumentiert. Ob das Billigfleisch, das von vielen, die da nun merkwürdigerweise Angst um den Fortbestand ihres Schweinsschnitzels oder des Wiener Würstelstands haben, tierfreundlicher produziert wird? Ich wage das zu bezweifeln. Koschere Fleischproduktion heißt zum Beispiel nicht nur, von Hand mit einem Schnitt zu schlachten. Die Tiere wachsen auch in der Umgebung auf – lange Transportwege sind nicht erlaubt. Das Tier muss völlig gesund sein, und wird nach der erfolgten Schlachtung auch genauestens untersucht. Koscher geschlachtetes Fleisch ist damit de facto Fleisch in Bio-Qualität. Den vermeintlichen Tierschützern sei gesagt: dann wäre es ehrlicher gar kein Fleisch zu essen. Aktionsschnitzel zu kaufen und sich übers Schächten zu entrüsten: das ist Rassismus.

Halal-Fleischgeschäfte sind in Wien bereits seit Jahren alltäglich – ebenso wie koschere Fleischereien. Der Staat sichert Religionsfreiheit zu – und solche Einrichtungen machen es observanten Menschen möglich, den Vorschriften ihrer jeweiligen Glaubensrichtung zu folgen.

Warum aber dann der Aufschrei, wenn es nun im Rahmen eines Festivals einen Halal-Würstelstand geben wird (der in Folge möglicherweise weiter bei ähnlichen Veranstaltungen zum Einsatz kommen soll)? Der Begriff "Schächten" ist offenbar ein Reizwort, das vor dem inneren Auge vieler eine Assoziationskette des Hasses und der Vorurteile auslöst. Ja, von Hand schlachten heißt mit einem Messer schlachten. Ja, dabei fließt Blut. Nur: bei jedem Schlachtvorgang fließt Blut. Schlachthöfe sind blutige Orte. Grundsätzlich.

Schlagzeilen wie "Geschächtete Tiere am Würstelstand?": sie schüren Ressentiments gegenüber Muslimen – und gegenüber Juden. Und das sind die Sorgen, die sich viele Juden und Jüdinnen aktuell machen: auch wenn es vordergründig nun um das Schüren von Hass gegen Muslime geht, am Ende sitzen eben auch Juden mit in diesem Boot. Denn es dauert nicht lange, bis Ressentiments gegen alles vermeintlich Fremde hochkochen.

In Deutschland hat die neue rechte Kraft "Alternative für Deutschland" (AfD) im Entwurf für ihr Parteiprogramm, das Ende April beschlossen werden soll, bereits die Forderung nach einem allgemeinen Schächtverbot festgeschrieben ebenso wie ein Beschneidungsverbot für Buben, das es ebenfalls in beiden Religionen gibt.

Fördern solche Verbote aber Integration? Und sollte das nun nicht das Hauptziel sein? Inwiefern nehmen halal-Würstel dem Wiener, der gern am Würstelstand Bratwurst isst, diese weg? Und tragen im Gegenzug halal-Würstel nicht dazu bei, dass sich auch Muslime zum Beispiel im kommenden Sommer ebenfalls beim Grillen mit Nachbarn beteiligen können, wenn sie ihre halal-Würstel mitbringen so wie Vegetarier und Veganer ihr Sojabratgut oder ihre Gemüselaibchen auf den Grill legen?