Pessach wirft seine Schatten voraus: kommende Woche Freitag beginnt das Fest mit dem ersten Seder. Seder, das bedeutet auf Hebräisch Ordnung, und besser könnte man diesen Abend nicht beschreiben.

Einer strengen Ordnung folgend lesen jüdische Familien weltweit die Geschichte des Auszugs aus Ägypten, essen dazu symbolische Speisen – allen voran Matzot (ungesäuerte Brotscheiben, die an Knäckebrot erinnern), trinken Wein (oder Traubensaft). Festgeschrieben ist die Exodus-Geschichte in der Haggada – und es ist dieses Buch, das beim Sederabend auf allen Tischen liegt. Gibt es etwas Verbindenderes als die Vorstellung, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt Menschen weltweit dieselben Zeilen lesen, sich mit demselben Thema beschäftigen?

Die Haggada, dieses besondere Buch, es liegt in verschiedensten Gestaltungen vor – nur der Text, der bleibt immer gleich. Es gibt rein hebräische Ausgaben, solche mit Übersetzungen in die Landessprache und auch solche mit einer zusätzlichen Lautschriftvariante für jene, die des Iwrit-Lesens nicht oder nicht besonders gut mächtig sind (ja, nicht jeder Jude spricht/liest automatisch fließend Hebräisch). Oft macht die Schönheit einer Haggada aber deren Illustration aus.

Die in Wien lebende Künstlerin Dvora Barzilai hat nun rechtzeitig vor dem heurigen Pessachfest ihre Interpretation dieses wichtigen Buches vorgelegt. Kräftige Farben, runde Formen (welche Matzot darstellen sollen), moderne Schrift dominieren ihre Sujets (ein Beispiel gibt es hier). Wer sich in die Arbeiten vertieft und sie mit dem Text verknüpft, den sie jeweils illustrieren, findet viel Symbolik in ihnen und so präsentieren sie sich wie theologische Suchbilder für Erwachsene. Sehr modern, sehr reizvoll, sehr ansprechend.

Tradition ins Heute transferiert auch die jüdische Formation Y-Studs A Capella. "Seder" nennt sich ihr eben veröffentlichtes Video (siehe unten). Michael Jacksons "Thriller" wurde hier umgeschrieben und im Zeitraffer wird nicht nur der Exodus erzählt, sondern auch gezeigt, wie ein Sedertisch aussieht. Jeder sitzt an der langen Tafel, die Haggada vor sich, in der Mitte des Tisches steht die Sederplatte mit dem Ei, dem Knochen, dem Bitterkraut und allem, was eben zu Pessach gehört. Da stehen Matzepackungen und Weinbecher, da werden Salatblätter mit Charosset, einer Apfel-Nuss-Mischung, die an den Lehm erinnern sollen, aus denen im alten Ägypten die Ziegel geformt wurden, gefüllt und wie ein Sandwich gegessen.

So ein Seder dauert zwar länger – wesentlich länger! Oft vergehen Stunden, bis mit dem eigentlichen Festmahl begonnen wird! - als ein nicht einmal fünfminütiges Video – aber Y-Studs A Capella schaffen es hier, den Spirit des Festes einzufangen und zu zeigen, worum es geht: sich gemeinsam an die schwierigen Zeiten des jüdischen Volkes zu erinnern. Und gemeinsam die Freiheit zu feiern.

Freiheit, Sicherheit, eine neue Heimat zu finden: die Assoziationen zu heute, sie liegen auf dem Tisch. Meine Familie lebt nicht observant, wir folgen also dem Jahreskreislauf, ohne uns im Detail an die 613 Regeln zu halten, welche die Halacha, das jüdische Religionsgesetz, vorgibt. Mir persönlich ist der ethisch-moralische Aspekt der verschiedenen Feiertage, die Botschaft dahinter das Wichtigste und die traditionellen Speisen, die Art zu Feiern sehe ich als einen Rahmen, der Zugehörigkeit und damit auch ein Stück Heimat schafft, den ich aber für mich nicht zu einem einengenden Korsett werden lasse.

Worüber werden wir uns also bei diesem Pessachfest unterhalten und diskutieren? Ja, es wird um die tausenden und abertausenden Menschen gehen, die derzeit auf der Flucht sind – auch wenn es mehrheitlich keine Juden sind. Es wird um die Wege gehen, die Gott aufzeigt und um die Wege, die der Mensch versperrt. Gott hat das Meer geteilt. Der Mensch riegelt das Land ab. Es fällt mir schwer an Wunder zu glauben, auch wenn ich derzeit inständig auf eines hoffe. Das Wunder könnte Frieden heißen, oder Ende des Terrorismus, oder einfach: ein friedliches Zusammenleben aller Menschen auf dieser Erde. Das Wunder könnte aber auch so aussehen: viele, viele Menschen, die an einem Strang ziehen und auf Mitmenschlichkeit pochen. Lasst den Pessachputz beginnen.