Peitschenhiebe sausten nieder auf die Sklaven in Ägypten – so stellt man es sich jedenfalls vor. Wenn diesen Freitag Abend der erste Seder – der Beginn des Pessachfests – gefeiert wird, dann werden wir uns an diese Zeit erinnern: an die Unterjochung des jüdischen Volkes in Ägypten, an die Sklaverei, an die Befreiung, an den Marsch durch die Wüste.

Wenn ich dieser Tage die Nachrichten lese, dann saust ein virtueller Peitschenhieb nach dem anderen auf mich hernieder und sorgt für Trauer, für Wut, für Aggression: da ertrinken hunderte Menschen, weil es wieder einmal ein Boot nicht sicher an eine EU-Grenze geschafft hat. Da werden in Griechenland Babies von Flüchtlingen nicht mit ausreichend Milch versorgt.
Dazu kommen die ganz persönlichen Momente, die sich in dieser Woche besonders dicht gestaltet haben. Da saß ich etwa mit dem Vater der afghanischen Familie, mit der ich seit einigen Monaten Deutsch lerne, sie zu Arztbesuchen begleite, versuche zu organisieren, was gebraucht wird, bei einem auf Asylrecht spezialisierten befreundeten Juristen (danke, Wolfi!), der sich die Geschichte der Familie anhörte und dann das entscheidende Kriterium erklärte: Asyl gibt es nur bei individueller Bedrohung.

Doch wo hört die kollektive Bedrohung auf und wo fängt die individuelle Bedrohung an? Wenn ich Angst habe, von den Taliban umgebracht zu werden: darf ich dann auf Schutz hoffen? Oder nicht, weil es vielen anderen Menschen auch so geht? Eine bittere Erkenntnis, wenn man gedacht hatte: ich konnte meine Familie und mich in Sicherheit bringen. Hier kann ich ein neues Leben beginnen, ohne Angst vor Verfolgung. Aber nun heißt es Warten auf den Interviewtermin und danach Zittern und Hoffen, dass wenigstens subsidiärer Schutz zuerkannt wird.

Ich begebe mich nun auf dünnes Eis, denn nein, das habe ich an dieser Stelle schon einmal klar festgehalten: das, was derzeit passiert, ist nicht mit dem Holocaust, nicht mit der systematischen Ermordung von Juden und Jüdinnen durch die Nationalsozialisten vergleichbar. Und dennoch – ein Gedankenspiel. Wäre den Juden von damals, die sich in Sicherheit bringen wollten, gemäß heutigem Recht Asylstatus zuerkannt worden oder nicht? Oder hätte man bereits in einem Foltergefängnis der Nazis sitzen müssen, oder einem KZ entflohen sein, um als asylberechtigt zu gelten?

Ein anderer Moment in dieser Woche: ich interviewte zwei Mitglieder der Wiener jüdischen Gemeinde, eine Ärztin und eine Psychotherapeutin. Sie sammeln immer wieder Spenden und stellen sie für die Flüchtlingshilfe zur Verfügung. Warum sie das tun, fragte ich. Weil es sie wahrscheinlich nicht gäbe, wenn es ihren Vorfahren nicht gelungen wäre, zu flüchten. Genau dieser Umstand hat auch im Herbst in mir geradezu das Bedürfnis ausgelöst, im Rahmen meiner Möglichkeiten zu helfen. Weil es Menschen in Not sind. Weil es jedem von uns jederzeit ähnlich ergehen kann.
Denn schwindlig wird mir, wenn ich von Notstand lese, von einem immer mehr beschränkten Asylrecht, von Zäunen und bewachten Grenzen. So viele Errungenschaften der vergangenen Jahre haben wir bereits hinter uns gelassen. Wer weiß, was die Zukunft bringt.

Gehen wir zurück zum Exodus, dann folgte auf den langen Auszug aus Ägypten irgendwann die Übergabe der zehn Gebote. Was ist in diesen verankert? Nicht nur die Beziehung zwischen Gott und dem Menschen wird darin geregelt, sondern auch jene der Menschen untereinander. Von Menschlichkeit ist heute oft die Rede. Genau diese Menschlichkeit ist für mich in den Zehn Geboten verankert.

Babys verhungern und Menschen ertrinken zu lassen: das lässt sich nicht unter Menschlichkeit subsummieren. Gott wollte dem jüdischen Volk durch die Sklaverei auch sozusagen eine Lektion erteilen, heißt es immer. Am Ende haben sich die Juden bewährt und wurden gerettet. Europa dagegen bewährt sich immer weniger. Jede zusätzliche geschlossene Grenze ist ein weiterer Rückschritt. Jeder tote Flüchtling ist ein Totalversagen der völlig verfehlten Politik. Der Notstand, den es gibt: er betrifft die Flüchtenden, nicht die hier in Österreich, hier in Europa Lebenden.

Haltet doch endlich die Peitschen an, möchte man rufen: reicht die Hände statt Menschen ins Elend zu stürzen. In diesem Sinn: Pessach sameach – ich wünsche allseits einen koscheren und frejlechen Pessach!