Fassungslos starrte ich heute Vormittag immer wieder auf ein Foto, sah mir jedes Detail an, versuchte zu entschlüsseln, warum mich dieses Bild gleichzeitig in seinen Bann zog und abstieß: wie ein Rockstar stand da der Attentäter, der kurz zuvor den russischen Botschafter in der Türkei bei einer Vernissage erschossen hatte, neben seinem Opfer, in schickem Anzug, irgendetwas jubelnd.

Fotos können keine gesprochenen Worte transportieren, aber Stimmungen. Dieses Foto ist dazu geeignet, einen Helden zu schaffen. Die Aufnahme wirkt wie ein Filmstill, Pulp fiction lässt grüßen. Das Opfer liegt, seiner Würde beraubt, am Boden. Schon deshalb sollte solch ein Foto nicht verbreitet werden.

Der gestrige Tag brachte bad news ohne Ende: das Attentat in Ankara (mit all seinen möglichen politisch-diplomatischen Folgen), Schüsse in einer Moschee in Zürich, abends dann der LKW, der in einen Weihnachtsmarkt in Berlin rast. Zwölf Menschen sterben, dutzende sind teils schwer verletzt. Wer der oder die Täter sind, ist noch nicht klar, die Motivation ist offen, wenngleich die Berliner Polizei bereits sagt, dass es sich vermutlich um einen Terroranschlag gehandelt hat.

Der Terror, das Grauen schlägt seit einigen Jahren auch in Europa immer wieder zu. Was danach folgt ist ein Sezieren des Lebens des oder der Täter. Doch die Opfer, sie bleiben meist namenlos. Und geraten in Vergessenheit. Rasch. Während Fotos der Täter immer und immer wieder abgedruckt, gezeigt werden.

Israel hat Erfahrung mit Anschlägen, mit Einzelattacken, zuletzt sind es vor allem Messerattentate. Auch dort läuft die Berichterstattung nach einem Schema ab, doch es ist völlig anders: sofort werden die Namen der Opfer veröffentlicht und ihre Fotos, die sie mitten im Leben zeigen. Und diese Fotos werden nicht nur von Zeitungen und TV-Sendern veröffentlicht, sondern machen vor allem auch in den sozialen Medien die Runde. Auch nach dem Anschlag auf einen koscheren Supermarkt in Paris wurden recht rasch von Mitgliedern der jüdischen Gemeinde die Namen der Opfer veröffentlicht.

Erinnerung ist wichtig im Judentum. Kein Mensch soll vergessen werden. Das Holocaust-Denkmal im Wiener Stadttempel in der Seitenstettengasse führt alle Namen von in der Schoa verstorbenen österreichischen Jüdinnen und Juden an. In der Pinkas-Synagoge in Prag wurden die Namen der im Holocaust Ermordeten händisch an die Wände geschrieben.

Wie lebt ein Mensch weiter? Vielleicht durch etwas, das er hinterlassen hat: Bücher, Bauwerke, Kunst, große Taten, die ihn über seine Lebzeiten hinaus berühmt machen. Das Gros der Menschen lebt aber vor allem in der Erinnerung anderer weiter. Jemanden nicht zu vergessen bedeutet auch: den Namen nicht auszulöschen. Den Namen festzuhalten.

Ich fände es fein, nun auch die Namen, die Geschichten der Opfer von Berlin zu lesen. Und nicht – wieder einmal – ausschließlich den Täter in allen Einzelheiten geschildert zu bekommen. Ich fände es schön, Fotos der Opfer zu sehen, Opfer, die sie gezeigt haben, als sie gelebt haben, um sie so in Erinnerung zu behalten.

Fotos, die tote Opfer zeigen, lehne ich dagegen entschieden ab. Solche Aufnahmen nehmen diesen Menschen ihre Würde und sie fachen die Mordlust der Terroristen nur noch weiter an. Man müsse solche Bilder zeigen, um das Grauen fassbarer zu machen, habe ich schon öfter gehört. Ich denke nicht, dass das nötig ist. Ein totes Kind ist ein totes Kind. Ich kann es mir vorstellen, auch wenn ich es nur lese. Gerne würde ich aber ein Foto des Kindes sehen, als es Fußball gespielt, eine Sandburg gebaut oder etwas gezeichnet hat. Oder schlicht lachend in die Kamera blickte, als sein Vater, seine Mutter es aufforderte, cheese zu sagen.