"Um ein Uhr mittags verkündeten Sirenentöne, dass der letzte Zug mit Juden Wien verlassen, um sechs Uhr abends läuteten sämtliche Kirchenglocken zum Zeichen, dass in ganz Österreich kein Jude mehr weilte. In diesem Augenblicke begann Wien sein großes Befreiungsfest zu feiern. (...) Auf einer Tribüne spielten die unvergleichlichen Wiener Philharmoniker, von Juden gesäubert und daher ein wenig reduziert, volkstümliche Weisen, und der Wiener Männergesangsverein bot seine besten Lieder dar. Die Volkshalle, der große Platz vor dem Rathaus, der Ring vom Schottentor bis zur Bellaria bildeten eine einzige Menschenmauer, und um acht Uhr war es kein Rufen mehr, sondern ein Heulen aus einer Million Kehlen, das immer wieder erdröhnte."

Wenn man diese Zeilen aus dem satirischen "Roman von Übermorgen" von Hugo Bettauer – "Die Stadt ohne Juden" – aus dem Jahr 1922 liest, bleibt einem angesichts des Wissens, was ab 1938 in dieser Stadt passierte, teils die Luft weg. Da schildert Bettauer, wie die Juden mit Sonderzügen außer Landes geschafft wurden, wie man ihnen mit Tricks einen Teil ihres Vermögens abnahm, ja selbst, wie bestimmt wurde, wer als Jude gilt und daher das Land zu verlassen hat. 1922. Das lag alles in der Luft. Und wie mag es den Jüdinnen und Juden von damals so im Alltag gegangen sein, da sie wussten, wie verhasst sie vielen waren?

Die aktuelle Ausstellung des Filmarchiv Austria im Metro Kino – "Die Stadt ohne. Juden Muslime Flüchtlinge Ausländer" hat mich inspiriert Bettauers Roman, den ich vor vielen Jahren schon einmal gelesen hatte, nochmals zur Hand zu nehmen. Die Ausweisung der Juden sollte im Land zur Lösung aller Probleme führen. Doch am Ende wurde alles nur schlimmer: Die Arbeitslosigkeit nahm zu, die Währung verlor rasant an Wert.

In der Realität nicht willkommen

Wie sehr das, was dann passiert ist – die Schoa – doch außer der Vorstellungskraft selbst eines so visionären Schriftstellers wie Bettauer lag, zeigt das Ende, das er für seinen Roman vorgesehen hat. Da bedauern immer mehr Menschen das Fehlen der Juden und wünschen sie sich zurück. Möglich macht dies am Ende allerdings ein sozusagen illegal unter falscher Identität Zurückgekehrter, der alles so einfädelt, dass die Judenverbannung vom Parlament aufgehoben wird. Er schlüpft zurück in sein wirkliches Ich und wird als erster offizieller Rückkehrer vom Wiener Bürgermeister begrüßt: "Mein lieber Jude!"