Alexia Weiss - © Paul Divjak
Alexia Weiss - © Paul Divjak

Wie war der Jubel in der jüdischen Community groß. Eine israelische Künstlerin legte beim diesjährigen Song Contest eine Performance hin, die sowohl Jury als auch Publikum überzeugte. Sie gab sich dabei nicht gefällig, weder optisch noch inhaltlich, und transportierte damit ihre Botschaft: I am not your toy. Und das Monate nachdem die #metoo-Debatte in der Film- und TV-Branche für heftige Enthüllungen und intensive Diskussionen gesorgt hat.

Die Ernüchterung folgte rasch. Dass Postings im Netz derb ausfallen könnten, damit ist in so einem Fall zu rechnen. Wie derb ist dann schon wieder fast eine Klasse für sich: Von Fatshaming über Verschwörungstheoretisches bis zu Antisemitismus war da alles zu finden. Bezüge zur aktuellen Gaza-Krise wurden auch von Kommentatoren in Zeitungen gemacht – schließlich wird damit der nächstjährige Song Contest in Israel stattfinden. Jerusalem gilt als wahrscheinlicher Austragungsort. "Nächstes Jahr in Jerusalem" – das wünschen Jüdinnen und Juden einander weltweit am Ende des Sederabends zu Pessach – wurde daher angesichts des Erfolgs von Netta zu einem Bonmot mit doppelter Bedeutung.

Unschöne Bilder

Und dann war da auch noch die Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem. Dazu kommen die anhaltenden Proteste in Gaza, die seit Wochen unter dem Titel "Marsch der Rückkehr" begangen werden. In Brand gesetzte Autoreifen lieferten bereits zu Beginn filmreife apokalyptische Bilder. Es kam, wie es in solchen Situationen immer kommt: Die ersten Toten waren zu beklagen. Israel betont, es müsse seine Grenzen schützen. Und dass der "Marsch der Rückkehr" nichts anderes ist, als Israel auslöschen zu wollen. Die palästinensische Seite erzählt von Unterdrückung und sich wehren müssen. Die Bilder sind keine schönen.

Medial wird alles miteinander verknüpft – da ist dann die Botschaftseröffnung (Jerusalem wird von vielen Staaten nicht als Hauptstadt Israels anerkannt, weshalb sich das Gros der diplomatischen Vertretungen in Tel Aviv befindet) Grund für die Proteste in Gaza. Und Israels Premier Benjamin Netanjahu nützt den Song Contest für seine Zwecke.

Mit dem Holzhammer verbildlicht hat das eine Karikatur in der Süddeutschen Zeitung. Da steht Netanjahu im Kostüm Nettas mit einer Rakete in der Hand in einer Konzerthalle und sagt "Nächstes Jahr in Jerusalem". Ist solche eine Darstellung antisemitisch? Der deutsche Antisemitismusforscher Samuel Salzborn sagt klar ja. Die gesamte Bildinszenierung verballhorne den israelischen Ministerpräsidenten und zeige ihn physiognomisch derart überzeichnet, dass er als "extrem aggressiv und zugleich als effeminiert und damit als abwertend-verweiblicht" erscheine, argumentierte Salzborn gegenüber dem Evangelischen Pressedienst. Dies sei "ein zentrales antisemitisches Motiv, indem Juden zugleich extreme Macht und Machtlosigkeit unterstellt wird". Die Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung sah das wohl ähnlich. Man trennte sich vom Karikaturisten.