So wird Ernst Meir Stern immer in Erinnerung bleiben: Mit seiner Kappe, seiner Pfeife, seinem Lächeln.  - © Alexia Weiss
So wird Ernst Meir Stern immer in Erinnerung bleiben: Mit seiner Kappe, seiner Pfeife, seinem Lächeln.  - © Alexia Weiss

Jedes Mal, wenn ich am Campus der Kultusgemeinde im Prater nahe der U-Bahn-Station Donaumarina zu tun habe, gehe ich an einem Graffito vorbei. Nicht nur ich, jeder natürlich, es ist beim Eingang zur Sicherheitsschleuse angebracht. Darauf zu sehen: Ernst Meir Stern, so, wie er Jahre vor diesem Ort gestanden hat, bei jedem Wetter. Ernst, mit seinem Kapperl und der Pfeife im Mund. Ernst mit seinem Schnauzer und seinem Lächeln.

Das Graffito ist hier nicht einfach draufgesprayt, es ist Teil einer ganz offiziellen Erinnerung an einen außergewöhnlichen Menschen. Ende September vor einem Jahr starb Ernst Meir Stern. Und jedes Mal, wenn ich dieses Bild sehe, denke ich: Ernstl, du fehlst. So sehr.

Wie sieht ein Jude aus? Eine oft gestellte Frage, auf die es Antworten gibt, die Stereotype wiedergeben und auf Äußerlichkeiten abzielen, und eine Antwort, die lautet: Ob ein Mensch jüdisch ist oder nicht, das ist auf den ersten Blick nicht erkennbar. Mit Ernst hätte ein Fremder, der ihm auf der Straße begegnete, wohl nicht als erstes den Begriff jüdisch assoziiert: Er liebte Kleidung im Military Look, war meist also salopp unterwegs. Und doch war gerade Ernst so durch und durch jüdisch.

Innerhalb der Gemeinde kannte ihn jeder, was sich nicht zuletzt bei seinem Begräbnis im Herbst vor einem Jahr bemerkbar machte. Hunderte Menschen nahmen an diesem Abschied teil – und sie kamen aus allen Teilen der Gemeinde, sowohl was die Religiosität als auch was die Zugehörigkeit zu einem politischen Lager anbelangt. Ernstl war eine Integrationsfigur, wie sie jede Gemeinschaft schätzt, zu haben. Und auch daher ist das Graffito beim Eingang zum IKG-Campus so stimmig. Die Form lehnt sich an Sterns Lebensweise an, die Erinnerung ist so vielen Gemeindemitgliedern ein Anliegen.

Ernst wusste, was Flucht bedeutet, was Armut bedeutet. Er kam 1943 als Kind jüdischer Flüchtlinge in einem Lager auf Mauritius auf die Welt. Als er drei Jahre alt war, zog es den Vater zurück in seine Heimatstadt Wien. Die Mutter stammte aus Mähren. Die Eltern hatten sich auf der Südseeinsel kennengelernt, die damals alles andere als das heute damit verbundene Urlaubsparadies war. Stern infizierte sich dort als Kleinkind mit der Malaria und litt bis in seine Jugend hinein an Malaria-Anfällen.

"Der Ministrant, der Judenbua und der Nazi-Sohn"

Er wuchs im zehnten Bezirk auf, ging hier in die Volks- und Hauptschule. Antisemitismus war ein ständiger Begleiter. Als wir vor vielen Jahren im Café Heine saßen, dass es heute zwar noch immer gibt, aber an einer anderen Adresse, und uns für ein Porträt, das ich für ein Magazin über ihn schrieb, über sein Leben unterhielten, da sagte er auch etwas, was die Nachkriegszeit, das Aufwachsen eines Juden im Österreich der 1950er Jahre so eindringlich beschrieb. Andere jüdische Kinder habe es in seinem Umfeld nicht gegeben, seine besten Freunde seien Karli, ein Ministrant, und Peter, "der Klassenprimus", dessen Vater Nationalsozialist war, gewesen. "Wenn ich zum Peter in die Wohnung gekommen bin, ist der Vater weggegangen und hat mich keines Blickes gewürdigt. Der Ministrant, der Judenbua und der Nazi-Sohn sind beste Freunde – das ist Wien."