Die Historikerin Shoshana Duizend-Jensen spürt in einer Ausstellung im Wiener Stadt- und Landesarchiv der Geschichte von Gebäuden nach, in denen einst Synagogen oder jüdische Einrichtungen untergebracht waren. - © Alexia Weiss
Die Historikerin Shoshana Duizend-Jensen spürt in einer Ausstellung im Wiener Stadt- und Landesarchiv der Geschichte von Gebäuden nach, in denen einst Synagogen oder jüdische Einrichtungen untergebracht waren. - © Alexia Weiss

Wenn EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker heute mittags den Stadttempel in der Seitenstettengasse besucht, dann ist er in der einzigen Synagoge Wiens zu Gast, welche die NS-Zeit überdauert hat und nach 1945 wieder als solche genutzt wurde und wird. Im November vor 80 Jahren wurde das Gros jüdischer Infrastruktur in Wien von den Nationalsozialisten in Brand gesetzt und zerstört. In der Nacht zum 10. November wurden in der Stadt Synagogen und Bethäuser verwüstet, aber auch Geschäfte, Betriebe und Wohnungen von Jüdinnen und Juden geplündert und demoliert ebenso wie jüdische Einrichtungen.

Shoshana Duizend-Jensen, Historikerin im Wiener Stadt- und Landesarchiv, arbeitet seit vielen Jahren mit den dort vorhandenen Beständen zum jüdischen Wien. In Rahmen der Historikerkommission der Republik Österreich hatte sie sich zuvor mit dem Vermögensentzug von jüdischen Vereinen und Stiftungen auseinandergesetzt. Bei Stadtspaziergängen führte sie anschließend immer wieder an die Adressen, an denen sich einige dieser Einrichtungen bis 1938 befunden haben. "Dabei ist mir aufgefallen, dass ich nur Fotos zeigen konnte, von dem was war", erzählte Duizend-Jensen Donnerstag Abend bei einer Führung durch die von ihr gestaltete Ausstellung "Geplündert, verbrannt, geräumt, demoliert. Verschwundene Zentren jüdischen Lebens in Wien" in den Archiv-Räumlichkeiten im Gasometer in Simmering.

Was war: In Wien gab es an die 600 jüdische Vereine, rund 300 Stiftungen, 26 Synagogen, 70 Bethäuser, Heime, Schulen, Kindergärten und eine Lehranstalt für angehende Rabbiner, dazu Bibliotheken und Ausspeisungsküchen, so die Historikerin. 1938 wurden staatliche und städtische Einrichtungen für Jüdinnen und Juden verboten – die Israelitische Kultusgemeinde musste daher auf eigene Kosten für Kinder, alte, kranke und gehandicapte Menschen Heime und ein Spital einrichten. Das nötige Geld dafür brachte die Auflösung der jüdischen Vereine und Stiftungen, wobei 40 Prozent des Kapitals jeweils als Abgabe an die NS-Verwaltung abzuführen waren.

Für die aktuelle Schau im laufenden Gedenkjahr 1938 - 2018 (sie ist bis 22. Februar 2019 jeweils Montag bis Freitag von 9.00 Uhr bis 15.30 Uhr sowie donnerstags bis 19 Uhr bei freiem Eintritt zu sehen) hat sich Duizend-Jensen elf jüdische Einrichtungen von vor 1938 näher angesehen, dabei aber nicht nur auf die NS-Zeit fokussiert, sondern auch recherchiert, was mit den Bauten oder deren Überresten nach 1945 passierte und welche Gebäude stattdessen errichtet wurden. Das Deprimierende: Nicht immer wurden jüdische Einrichtungen von den Nationalsozialisten völlig zerstört, manche Bauten waren beschädigt, hätten aber renoviert werden können.