Baruch Berliner hat schöne Erinnerungen an Wien. Als der gebürtige Israeli als Student in Zürich zu einem Treffen jüdischer Studierender nach Österreich kam, suchte er das Haus in der Praterstraße 9 auf. Hier war seine Mutter mit ihren Geschwistern groß geworden, in guten Verhältnissen, denn der Großvater, der von Galizien nach Wien gegangen war, hatte hier eine Autofabrik gegründet und war Besitzer mehrerer Häuser. Der junge Baruch Berliner bestaunte zunächst den alten Lift des Hauses. Als er sich weiter umsehen wollte, "da kam ein älterer Herr auf mich zu und fragte, ob er mir helfen könne. Ich erwiderte, dass ich mich nur im Haus umschauen wolle, in dem meine Mutter aufgewachsen sei. Er fragte nach ihrem Namen und als ich den Namen Charlotte Löw aussprach, fiel er mir um den Hals und begann zu weinen. Er sagte, Gott sei es Dank, dass jemand aus dieser wunderbaren Familie den Holocaust überlebt habe". Wie Berliner später erfahren sollte, hatte dieser Mann, der Hausbesorger des Gebäudes, seiner Mutter sowie deren Schwester geholfen, aus Wien zu emigrieren.

Dennoch wisse er um die dunklen Seiten der Geschichte, um den Antisemitismus, der seiner Mutter, einer Pianistin und Tänzerin, begegnete, wie Berliner mir diese Woche in einem Telefonat erzählte. "Ich muss aber auch sagen, es war der Antisemitismus, der meiner Mutter das Leben rettete." Schon in der ersten Hälfte der 1930er Jahre wurde eine – nichtjüdische – Freundin in der Kärntner Straße von nationalsozialistischen Jugendlichen niedergeschlagen, habe ihm die Mutter erzählt. Eigentlich hätten die jungen Frauen zuvor noch gescherzt, dass Charlotte Löw als Jüdin nicht in die belebte Kärntner Straße gehen wollte, doch die Freundin, Tochter eines Diplomaten, habe gemeint, sie gehe ja mit und könne als Schutz dienen. Für Berliners Mutter war dieser Vorfall jedenfalls Warnung genug. Sie wanderte nach Palästina aus, wo sie seinen Vater kennenlernte und 1935 heiratete.

Von der Mutter hat Baruch Berliner das Wienerisch gelernt, sie war es, die ihm Lieder, Walzer, Operetten näherbrachte. Bevor Berliner allerdings in ihre musikalischen Fußstapfen trat, studierte er Physik und Mathematik in der Schweiz, arbeitete dort viele Jahre als Aktuar in einer Versicherungsgesellschaft, ehe er 1990 mit seiner Familie wieder nach Israel zurückging. Für eine Überraschungsparty zum 49er seiner Frau komponierte er ein Lied, das war der Startschuss zu seiner Laufbahn als (autodidaktischer) Komponist. Das war vor 15 Jahren, damals war Berliner 60 Jahre alt.