Das Porträt Kurt Waldheims (an den Präsidentschaftswahlkampf von 1986 erinnert derzeit Ruth Beckermanns Film "Waldheims Walzer") in der Präsidentschaftskanzlei, wohin der amtierende Bundespräsident Alexander Van der Bellen am Montag zu einer Vorführung von "Die Stadt ohne Juden" lud. - © Alexia Weiss
Das Porträt Kurt Waldheims (an den Präsidentschaftswahlkampf von 1986 erinnert derzeit Ruth Beckermanns Film "Waldheims Walzer") in der Präsidentschaftskanzlei, wohin der amtierende Bundespräsident Alexander Van der Bellen am Montag zu einer Vorführung von "Die Stadt ohne Juden" lud. - © Alexia Weiss

Jüdische Männer, Frauen, Kinder steigen mit Sack und Pack in Züge und eine wehklagende Stimmung herrscht: Das Bild des Grauens. Wenn das Filmmaterial auch noch schwarz-weiß ist und die Lokomotive Dampfschwaden in Richtung Himmel stößt, dann folgen in der Assoziationskette Konzentrationslager und Gaskammern.

Bundespräsident Alexander Van der Bellen lud Montag Abend zur einer Vorführung des 1924 veröffentlichten Films "Die Stadt ohne Juden" von Hans Karl Breslauer, basierend auf dem gleichnamigen zwei Jahre zuvor erschienenen Roman von Hugo Bettauer, in die Präsidentschaftskanzlei. Was als Satire beziehungsweise Utopie geschrieben und gedreht wurde, ist heute mit dem Wissen um die Schoa bedrückendes Zeitdokument. Die Züge im Film führten noch nicht in die Vernichtung. Das, was der Zuseher hier heute automatisch mitdenkt, war von den politisch Verantwortlichen noch nicht angedacht.

Und dennoch. Was die Filmaufnahmen – Teile wurden am und um den Ballhausplatz gedreht und zeigten damit Szenen auf jenem Straßenzug, den man betritt, wenn man die Präsidentschaftskanzlei verlässt – zeigen, sei, dass in den 1920er Jahren nicht mehr alles Zukunft gewesen sei, so der Bundespräsident. Der Antisemitismus sei physisch präsent gewesen. Das habe zum Beispiel auch eine Ausstellung an der Universität Wien anlässlich des 650-Jahr-Jubiläums gut dokumentiert. Was man sich aber damals noch nicht vorstellen habe können, sei, worin die Diskriminierung schließlich mündete, betonte Van der Bellen.

Utopie und Realität

Die aus heutiger Sicht naiv wirkende Auflösung Bettauers war, dass die Menschen, die Wirtschaft, die Politik rasch merken, dass es dem Land ohne Juden schlechter geht. Und dass es dann einem Juden, der inkognito zurückgekehrt war, mit allerlei Husarenstückchen gelang, das Parlament dazu zu bewegen, mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit zu beschließen, dass Juden wieder zurückkehren können.

Die Wirklichkeit sah anders aus – auch für Bettauer selbst, der Mitte der 1925 erschossen wurde, und das von einem Mann, der der NSDAP bei-, dann aber wieder ausgetreten war. Nach dem Mord erhielt der Täter Otto Rothstock aber Unterstützung von NS- beziehungsweise NS-nahen Freunden und Anwälten. Er wurde schließlich vom Gericht als nicht zurechnungsfähig eingestuft und in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, die er allerdings bereits 1927 wieder verlassen und unbehelligt weiter leben konnte.