Am 16. September 2018 ist Ulrich Schacht gestorben. Die Nachrufe fielen eher kärglich aus, und meist wurde vor allem auf Schachts politische Haltung verwiesen, die ihn oft bedenklich weit nach rechts geführt habe. So gab er 1994 den umstrittenen Sammelband "Die selbstbewusste Nation" heraus, der als Manifest einer "Neuen Rechten" galt, und hatte auch später wenig Berührungsängste gegenüber neurechten Organen wie der "Jungen Freiheit". Darüber gerät leider fast in Vergessenheit, dass der 1951 in einem Frauengefängnis in der DDR geborene (und seit Jahren in Schweden lebende) Schacht einer der wundervollsten Naturdichter "deutscher Zunge" war, wie man das einst nannte.

Vor allem die nordische Landschaft inspirierte ihn zu Versen, die wirkten, als hätten Kälte und Wind sie glattgeschliffen. "Lanzen im Eis" (1990) hieß eines seiner Bücher, und mit diesem Etikett hätte man auch seine Gedichte versehen. Kein Wort, keine Metapher, kein lyrisches Ich zu viel: "lautlos nimmt sich mein / Blick von dem was zu / sehen ist, und / was nicht".

Ulrich Schacht wurde 1973 wegen angeblicher "staatsfeindlicher Hetze" zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt, durfte dann aber 1976 die DDR verlassen und in die Bundesrepublik übersiedeln. Ein Jahr später folgte ihm der ähnlich regimekritische und vom Regime drangsalierte Reiner Kunze in den Westen. Er feierte in diesem Jahr seinen 85. Geburtstag und hat einen Band vorgelegt, der schon im Titel nach Abschied klingt: "die stunde mit dir selbst" (S. Fischer, 2018). Auch er ist

bekanntermaßen kein Freund vieler Worte, seine Gedichte sind karg, klug und von feiner Beobachtungsgabe. Sie waren nie weit entfernt vom Verstummen, doch nun ist es noch ein Stück näher gerückt: "Die kleinen heimaten in fremden ländern / sind nicht mehr // Das vorratsfach für schwarzumrandete kuverts / ist leer // Die zunge wird vom schweigen schwer".

Doch Kunze hat sein Leben lang nicht nur in eigener Sache gesprochen, sondern auch anderen Poeten eine deutsche Stimme gegeben. Für den tschechischen Dichter Jan Skácel - auch er einer der vom Kommunismus Verfolgten und Unterdrückten - war er eine Art "Herold", und erst durch ihn wurde Skácel auch im Westen bekannt. "Für alle die im Herzen barfuß sind" (Wallstein, 2018) versammelt Skácels Lyrik (und deutlich schwächere Prosa), die stets etwas sehr Ernstes und zugleich auch Kindlich-Verspieltes an sich hat. "Mit einem kleinen bluterguß in der stimme sagt er guten tag / und weiß nicht / wie er im traum den er am morgen vergaß / zu dem kleinen blauen fleck kam". Seine Gedichte tragen so schöne Titel wie "Fährgeld für Charon", "Ein Wind mit Namen Jaromír" oder "wundklee", und zur großen Tragik seines Lebens gehört, dass dieser auf poetische Weise politische Geist zwei Tage vor dem Mauerfall 1989 starb.