Auch Guntram Vesper kam 1941 im Osten Deutschlands zur Welt, nämlich in der sächsischen Kleinstadt Frohburg. Die Familie floh 1957 in den Westen, doch seine Heimat hat Vesper auch als Schriftsteller stets begleitet. "Frohburg" hieß der Riesenroman, mit dem er 2016 nach langem Schweigen plötzlich wieder auf der literarischen Bildfläche erschien und auch gleich den Preis der Leipziger Buchmesse gewann. Doch "Frohburg" könnte auch sein lyrisches Schaffen aus fast 60 Jahren betitelt sein, das nun in einem opulenten Band namens "Tieflandsbucht" (Schöffling & Co., 2018) gesammelt vorliegt. Auffallend dabei ist, wie stark autobiografisch Vespers Gedichte sind und wie sehr sie in lyrisch verknappter Form Geschichten erzählen.

Trotzdem ist das Gedicht für ihn "keine Widerspiegelung von Erlebnissen, sondern von Empfindungen, von Mitleid, Trauer und Empörung etwa (. . .) Literatur eben, Kunst vielleicht". Der Nukleus dieser Lyrik ist das Städtchen Frohburg. In prosanahen Versen umkreist Vesper vor allem die eigene Kindheit und Jugend, und seine Gedichte bilden zusammen mit dem Roman und den Prosatexten eines der großen, bleibenden Erinnerungsprojekte der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

"Die Gedichte dieses Autors werden bleiben", verkündete einst Marcel Reich-Ranicki und meinte Wolf Wondratschek, der jüngst 75 Jahre alt wurde. Zu diesem Anlass hat ihm sein aktueller Verlag Ullstein eine sehr schön gestaltete Kassette mit den "Gesammelten Gedichten in 13 Bänden"gewidmet. Und so liest man noch einmal die Klassiker dieses Lyrikrebellen und "Rock-Poeten": "Chucks Zimmer" etwa oder "Wir waren ruhig, / hockten in den alten Autos, / drehten am Radio / und suchten die Straße / nach Süden", und erinnert sich an die Tage, als Poesie nach

Lederjacken und Boxhandschuhen roch. Doch viele dieser Gedichte wirken - anders etwa als jene des Lederjackenkollegen Rolf Dieter Brinkmann - erstaunlich abgestanden. Da ist viel Pose, viel Kraftmeierei, viel "Schwanz/Brüste/Ficken"-Vokabular, aber wenig lyrische Substanz. Klar, ein paar dieser Gedichte werden bleiben - aber Schacht, Kunze, Skácel und Vesper haben deutlich bessere Aussichten auf ein langes lyrisches Nachleben.