Preise für deutschsprachige Literatur gibt es reichlich, und auch die Lyrik kann über einen Mangel an teils recht gut dotierten Auszeichnungen nicht klagen. Insofern wäre es nicht weiter erwähnenswert, dass es 2019 erstmals einen Gertrud Kolmar Preis geben soll, verliehen von Fixpoetry, einer Plattform für Literatur im Internet. Dekorieren will man damit noch nicht publizierte Gedichte - ausschließlich von Frauen. Denn es sei "im Jahr 2019 endlich Zeit, dem bestehenden Auszeichnungsgefälle zu Ungunsten von Frauen ein wirksames Zeichen entgegenzusetzen. Unser Ziel ist es, mit diesem (. . .) Preis Lyrikerinnen und ihre Gedichte in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken, nicht weil sie Frauen sind, sondern weil sie Urheberinnen großartiger Gedichte sind." Und da das offenbar nur Frauen wirklich bewerten können, ist die Jury ausschließlich weiblich besetzt.

Der Zeitpunkt scheint etwas unglücklich gewählt, denn 2018 war von einem solchen "Auszeichnungsgefälle" (ein Wort von fast schon lyrischer Kraft) nichts zu spüren, im Gegenteil: "Beungünstigt" war im Vorjahr der Mann, wie Dirk Knipphals in der "taz" vorgerechnet hatte: "Alle wichtigen deutschen Literaturpreise wurden in diesem Jahr von Schriftstellerinnen abgeräumt." Und natürlich, so nehmen wir an, nicht weil sie Frauen sind, sondern weil sie großartige Literatur verfasst haben. Auch der wichtigste Lyrikpreis, der Peter-Huchel-Preis, ging in den letzten zehn Jahren sechs Mal an "Urheberinnen großartiger Gedichte" (vulgo Dichterinnen). Zugegeben, in den Jahrzehnten zuvor war das Gefälle fast vertikal.

Sei’s drum. Würden damit auch schon publizierte Gedichte prämiert, wäre meine Favoritin eindeutig Michelle Steinbeck. Derart originelle, freche, verspielte und noch dazu ganz und gar heutige Verse gab es lange nicht zu lesen. "Eingesperrte Vögel singen mehr" (Voland & Quist, 2018) heißt ihr lyrischer Debütband, und wollte man ihre Poesie auf den Punkt bringen, dann könnte man sie vielleicht als "fantastisch" beschreiben. Denn der lyrischen Fantasie sind darin keine Grenzen gesetzt, Dichten und Träumen sind hier eins und Gespräche mit Tieren das Normalste auf der Welt: "bist du dick sage ich / ich habe deinen vogel gefressen / sagt die katze und lächelt / lüg nicht sag ich / dein essen kommt aus der dose / die maschine hat es für dich getötet / ich wünschte ich hätte nicht / seufzt die katze und gähnt / jetzt hab ich den mund voller federn". Es sind Gedichte vom Lieben, Leben und Reisen, stets wahrgenommen durch ein etwas "blödes Ich in solchen Tagen", aber sprachlich mit allen Wassern gewaschen (von kunstvoll bis derb) und voller unvergesslicher Bilder: "ich will so tief ausatmen wie die züge in der nacht vor dem schlafengehen".