Eine prächtige Preisträgerin wäre auch Ulrike Almut Sandig (Horst-Bingel-Preis 2018, im Übrigen auch ein Preis ohne Gefälle: dreimal vergeben, dreimal an eine Frau, die - zusammen mit dem Ukrainer Grigory Semenchuk - einige ihrer Gedichte vertont hat ("Landschaft", Schöffling, 2018). Doch bei aller Musikalität der Verse wirkt diese Hip-- Hopisierung oder Elektroverpoppung lyrischen Sprechens ein wenig gewollt; ein zusätzlicher oder neuer Aspekt ihres Dichtens will sich nicht recht einstellen. Macht nichts.

Nicht minder preiswürdig (allerdings leider männlich) ist der Theologe Chris-
tian Lehnert,
der mit seinen Gedichten auf einzigartige Weise demonstriert, wie eine moderne geistliche Dichtung aussehen könnte. "Cherubinischer Staub" (Suhrkamp, 2018) heißt sein neuer Lyrikband, und wieder fasziniert darin vor allem eine "pantheistische" Naturbetrachtung: "Ein dichter Schnee, in mir die Atemnot, so klingt / der GOtt, ein feiner Zweig, der zittert, summt und schwingt." Viele dieser (oft klassisch gebauten) Verse sind Teil eines "Wörterbuchs der natürlichen Erscheinungen"; in ihnen verschmelzen Physik und Metaphysik zu großer Poesie - die völlig zurecht 2018 mit dem Deutschen Preis für Nature Writing ausgezeichnet wurde.

Über alle Preise erhaben (er hat ja auch schon fast alle) ist Jan Wagner. Seine Natur- und Dinggedichte ("Die Live Butterfly Show", Hanser Berlin, 2018) sind inzwischen von einer Perfektion, die in der Gegenwartslyrik Ihresgleichen sucht. Das hat ihm einiges an Neid eingebracht, aber man muss schon ein sehr kaltes lyrisches Herz haben, um sich diesem Sound zu entziehen: "wie erbsen in der schote das gespann, / sein japsen, belfern über fels / und schelf, durchs weiß gezerrt wie eisenspäne / vom riesigen magneten eines wals // unter dem eis." So beginnt das Sonett über den Husky, und es beschreibt diesen Hund als den eigentlichen Helden aller Polarexpeditionen. Vor dem "polarblau dieser augen" sind alle Menschen eins. Und wir stehen staunend vor der lyrischen Wunderwelt dieses Wunderdichters.