Viele Lyriker sind wahre Multitalente. Sie dichten nicht nur, sondern übersetzen ausländische Kollegen, schreiben kluge Essays oder Rezensionen über Gedichte und geben nicht selten die eine oder andere Lyrikanthologie heraus. Einer dieser Motoren des lyrischen Betriebs, der sich zeitlebens nie in den Vordergrund drängte, ist Johann P. Tammen. Er war von 1994 bis 2011 Herausgeber der Zeitschrift "die horen", schuf "Nachdichtungen" europäischer Lyriker und publizierte eigene Lyrik, allerdings nur in Kleinverlagen.

Aus Anlass seines 75. Geburtstags hat ihm der Wallstein-Verlag nun die Ehre einer zweibändigen Ausgabe erwiesen: "Stock und Laterne. Ausgewählte Gedichte 1969-2019" und "Wind und Windporzellan. Nachdichtungen". Die Auswahl aus Tammens eigenem poetischen uvre ist vor allem auch deshalb interessant, weil sie nicht der Chronologie der Entstehung folgt, sondern vom Autor selbst so konzipiert ist, dass vor allem die "inneren Korrespondenzen" aus 50 Jahren Dichten zutage treten. Genau das nämlich ist das Prinzip aller guten Anthologien: verschiedenste Gedichte zu versammeln und sie in einen klug komponierten Kontext zu stellen, der dem einzelnen Gedicht Raum lässt, es aber zugleich in ein vielschichtiges Bedeutungs- und Beziehungsgeflecht einbindet.

Diesem Grundsatz folgen Michael Braun und Hans Thill nun schon zum vierten Mal in ihrer gemeinsamen "Bestandsaufnahme" deutscher Lyrik (wobei genau genommen deutschsprachig gemeint ist): "Aus Mangel an Beweisen. Deutsche Lyrik 2008-2018" (Wunderhorn, 2018). Es geht darin nicht um Schulen, Trends oder Generationen, sondern um die einzelnen Gedichte, allerdings eben "in ihren korrespondierenden Motiven und intertextuellen Referenzen, die sie mit anderen Gedichten verbinden". Radikal steht deshalb hier neben konservativ, Traditionalist neben Avantgardistin, und dass es schon lange keine breiten Strömungen im Fluss der Lyrik mehr gibt, hat vielleicht auch mit dem poetologischen Grundsatz zu tun, den Brigitte Oleschinski so beschreibt: "Was Gedichte sind, entdeckt das eigensinnige Dichten mit jedem einzelnen Gedicht neu."