Die bewegendste Gedichtgruppe in dieser wie immer bei Braun/Thill klug komponierten Anthologie aber ist den Autorinnen und Autoren gewidmet, die in den letzten zehn Jahren gestorben sind. Beim Lesen dieses "Memorials" wird einem ganz weh ums Lyrikherz ob all der Stimmen, die nunmehr auf immer verstummt sind - von Ilse Aichinger bis Gregor Laschen, von Rolf Haufs bis Sarah Kirsch.

Deutlich subjektiver ist "Spitzen. Gedichte. Fanbook. Hall of Fame" (Suhrkamp, 2018) ausgefallen, herausgegeben von einem dieser unglaublich rührigen Multitalente, nämlich Steffen Popp. Gerade eben noch hat er eine Auswahl von Gedichten Elizabeth Bishops (1911-1979) übersetzt (Hanser, 2018), und nun versammelt er die "eigensinnigsten, heftigsten, schönst-umwerfenden Gedichte der letzten zwanzig Jahre". Der Schwerpunkt dieser Ruhmeshalle liegt eindeutig bei Lyrik, die man im weitesten Sinne als "avantgardistisch" bezeichnen könnte und bei der der "spracharchäologische Ansatz" des 2005 verstorbenen Thomas Kling mehr oder weniger ausgeprägt Pate stand. Monika Rinck, Ann Cotten und Elke Erb stehen im Zen-trum dieser Gedichtwalhalla, während "klassischer" orientierte Autoren wie Jan Wagner oder Durs Grünbein nicht ganz so opulent vertreten sind. Doch genau so müssen Anthologien sein, denn der Anthologist ist nun einmal Herr des Verfahrens (Herrinnen sind auf diesem Feld erstaunlicherweise eher selten zu finden), und wer dabei auf Dinge wie Ausgewogenheit, Quoten oder vermeintlich objektive Kriterien schielt, hat schon verloren.

Auffallend allerdings ist, dass in beiden Sammelbänden eine Form des Gedichts (fast) gar nicht vorkommt: das humoristische oder komische Poem. Umso mehr davon hat Christian Maintz zu bieten, der in "Vom Knödel wollen wir singen" alte und neue "kulinarische Gedichte" versammelt (Kunstmann, 2018). Diese Speisen und Getränke in Versform lässt man sich gerne schmecken, und besonders lecker wird die Sache dort, wo "motivgleiche" Gedichte nebeneinanderstehen: über Rosenkohl, über Pflaumen und natürlich über das Bier in seinen verschiedensten Formen.

Vor allem ist diese Anthologie der schönste Beweis für eine Beobachtung von Steffen Popp: "Es gibt keinen per se unpoetischen Gegenstand." In der Tat: Matthias Polityckis Gedicht über den "Bierschiss" gerät zu einer wunderbaren Philosophie des "Urschlamms", und Robert Koall besingt ganz am Ende einen "Gummibär von Haribo", der zwei Tage lang im Klo lag: "Heut morgen war das Bärchen fort, / Das Schüsselwasser rötlich. / Es ist an einem bess’ren Ort. / Das Leben endet tödlich."