Aus manchen Büchern fällt es schrecklich schwer zu zitieren: Ein Zitat soll schließlich - als Teil für das Ganze - veranschaulichen helfen, wie so ein Buch gestrickt ist, damit die Leute sich ein Bild davon machen können. Andere schlägt man einfach irgendwo auf, und schon springt einen etwas an. "Aber im Übrigen war auch Luther ein rechtes Arschloch, ein roher Heide, Barbar und Opportunist, was Herr Egon [d.i. Friedell] elegant mit ‚vulkanischer Natur‘ und einen ‚Menschen ohne Herbst‘ umschrieb, der sich ‚in einigen gewaltigen Eruptionen aufgebraucht hatte.‘"

Als ich die Stelle, nun beim Wiederdurchblättern, las, musste ich lachen, nun, wo ich sie abgetippt habe, denke ich mir, das kann man eigentlich so auch nicht sagen, womöglich sind die Protestanten beleidigt (ungestraft beleidigen darf man heutzutage ja nur Katholiken), aber jedenfalls sei hier ein Buch angezeigt, das von der Literaturgeschichte handelt. Selten dürfte es einem Autor gelungen sein, die eigene, hochspezielle Sicht auf dieses Wissensgebiet so vergnüglich und kratzbürstig zugleich, gewissermaßen in einen hochkomischen Familienroman (mit vielen verschiedenen Familien) verwandelt, darzubieten (Egyd Gstättner: Die Familie des Teufels.Allein gegen die Literaturgeschichte. Picus, Wien 2018, 392 S.).

Ein Meister der englischen Hochkomik, von dem ich mir nicht recht vorstellen kann, wie man ihn a) übersetzt (so, dass es immer noch lustig ist) und b) auch noch an Deutschsprachige verkauft, erscheint seit längerer Zeit in dieser Zielsprache, und das bei renommierten Verlagen. Das kann nur bedeuten, dass sowohl a) als auch b) zutreffen. So habe ich nun, um die Probe aufs Exempel zu machen, sein "neuestes" d.h. im Original 1934 erschienenes Werklein zur Rezension bestellt - und bin mir immer noch nicht sicher.

Ich bin mir nicht einmal sicher, ob man diese unnachgiebige Art des Lustigseins, ein Radikal-Blödeln auf hohem intellektuellem Niveau, das sich jede Art von Intellektuellsein aufs Strengste verbietet, überhaupt auf längere Sicht aushalten kann. Aber sehen sie selbst: "Ich weiß nicht, ob es dem Leser auch schon so ergangen ist, doch stehe ich je wie der Ochs vorm Berg, so sehe ich nach durchschlafener Nacht die Lösung oft klarer vor mir. (. . .) Die feinen Pinkel, die solche Themen erforschen, machen meines Wissens geltend, das Ganze hänge irgendwie mit dem Unbewussten zusammen, und damit liegen sie vielleicht gar nicht so falsch. Ich würde zwar nicht unbedingt behaupten, dass ich ein Unbewusstes besitze, doch vermutlich tue ich dies, ganz ohne es zu wissen." (P. G. Wodehouse: Auf geht’s, Jeeves!Roman. Übers. von Thomas Schlachter, Insel Taschenbuch, Berlin 2019, 364 S.)

Vor etlichen Jahrzehnten wurde auf Ibiza ein Schriftsteller geboren, der demgemäß mittlerweile ein ziemlich reifes Alter erreicht hat. Nun blickt er auf eine Episode aus seinem Leben zurück und hat sie in einen Roman verpackt, der auf eine sehr zurückhaltende Art und Weise eine kleine literarische Sensation darstellt (Vicente Valero: Übergänge.Roman. Übersetzt von Peter Kultzen, Berenberg Verlag, Berlin 2019, 87 S.). Hier schaut einer auf die Kindheit, sozusagen in zwei Etappen. Erzählt wird von dem seinerseits schon zwei Jahrzehnte zurückliegenden Begräbnis Ignacios, eines Freundes aus Kinderzeiten, als die überlebenden drei aus der ursprünglichen Viererbande, sich gemeinschaftlich einen argen Rausch ansaufend, jener Zeit gedenken, vor allem der denkwürdigen Tage im Spätherbst 1975, als die Zwölfjährigen, die immer nachmittags zusammenkamen, um im Arbeitszimmer von Ignacios verstorbenem Vater zu spielen, dort die gut versteckten Pornohefte des Verblichenen entdecken, die sie zerschnipseln und die einzelnen Blätter an ihre Mitschüler verscherbeln, ein lukratives Handelsgeschäft, das, wie zu erwarten, nach vierzehn Tagen auffliegt.

Die vier werden vor den Schuldirektor zitiert, verhört, geohrfeigt, beschimpft, nach Stunden schleichen sie nach Hause, voll Furcht und Schrecken, was ihnen am nächsten Tag alles blühen wird - doch in der Früh kommt die Nachricht, während der Nacht sei Franco gestorben und nun jedenfalls und abgesehen von allem anderen auf drei Tage kein Schulunterricht. . . Ein zauberhaftes kleines Buch über ein mir fernes Ferienparadies im Wandel der Zeiten und jenes auch mir mittlerweile ferne Lebensalter.