"Dichtung ist der Ort, an dem man lernt, das Paradoxe auszuhalten." Diese schöne Charakterisierung der Poesie findet sich in Matthias Göritz’ Nachwort zum neuen, von ihm übersetzten Gedichtband des slowenischen Autors Aleš Šteger. Das Paradoxe zeigt sich schon im Titel: "Über dem Himmel unter der Erde" (Edition Lyrik Kabinett bei Hanser, 2019). Und auch die Gedichte des 1973 Geborenen erweisen sich einmal mehr als "Wunderkammern", in denen alles kurzgeschlossen wird: Oben und Unten, Reales und Surreales, Physik und Metaphysik, Körper und Geist. "Alles ist vergangen, / Und die Löschung des Endes / In der Sprache ist Poesie."

Das Ich dieser Gedichte schreibt, weil es im Leben feststeckt, und in den Worten, die dem Mund entströmen, findet es so etwas wie Freiheit. Es spricht viel Weisheit aus diesen Gedichten, und je kürzer sie sind, desto weiser werden sie: "Ein Mensch ist ein Schatten, / Den ein Buchstabe wirft. / Der Buchstabe kommt überallhin. / Der Schatten verlässt nie / Die Höhle."

Šteger versucht sich gern an Haikus, und selbst die Gedichte, die sich nicht an diese traditionelle japanische Form halten, atmen den sophistischen Geist dieser Gattung: "Liebe ist / Eine kleine Katze, / Die Wasser trinkt / Aus einer Schale mit Sprung."

Ähnlich paradox, aber deutlich körperbetonter geht es in den Gedichten von Cvetka Lipuš zu. Die 1966 in Kärnten geborene Autorin (und Tochter von Florjan Lipuš) lebt inzwischen in Salzburg, und ihre Gedichte erinnern eindrucksvoll daran, dass es in Österreich eine bedeutende slowenischsprachige Literatur gibt. "Komm, schnüren wir die Knochen" (Otto Müller, 2019) ist ihr inzwischen sechster Gedichtband, Klaus Detlef Olof hat ihn übersetzt, und schade ist nur, dass der Verlag auf eine zweisprachige Ausgabe verzichtet hat (auch bei Šteger vermisst man die Originale).

Knochen, Zellen, Magen, Nerven, Luftröhre - kaum ein Körperteil, der nicht vorkommt in diesen prosanahen Gedichten, und meist verbindet sich diese geballte Körperlichkeit mit Wunden und Vergänglichkeit. Das "Kleingeld der Alltagsverrichtungen" wird bei Lipuš stets in deutlich philosophischere Währung getauscht, und ein mehrstrophiges Poem wendet sich gar direkt an den "Geehrten Herrn Heidegger, / Experte für metaphysische Fragen".

Es sind durchaus wuchtige Bilder, die Lipuš hier entwirft, und in ihren oft mehrere lange Strophen umfassenden Gedichten schießen die unterschiedlichsten Räume und Zeiten zusammen. Das Ich (das öfter noch ein Du oder Er ist) ist eine "strebende Kapsel", die durch "andere Gewebe" rast, bis einem beim Lesen fast ein wenig schwindlig wird ob dieser Bilderflut.

"Schafft es das Wort bis in die Mitte des Herzens?" Teils, teils, würde Gottfried Benn sagen. Anders als Šteger, dessen Gedichte manchmal fast schon zu gefällig sind, verweigert sich Lipuš einer "Ausstellung der Wortreliquien", was ihre Gedichte sperriger, ungezähmter, aber nicht weniger lesenswert macht.

Dass nicht nur das Slowenische, sondern auch der Dialekt zu den Literatursprachen Österreichs gehört, daran erinnert die 1991 geborene Katharina J. Ferner in "nur einmal fliegenpilz zum frühstück" (Limbus, 2019). Sie verfasst ihre Gedichte in "ostösterreichischer Mundart" und übersetzt sie dann in ein mal mehr, mal weniger nah am Original bleibendes Hochdeutsch. "oim-gstanzl", "almpoetik" nennt sie ihre Dichtung, und darin kommt so ziemlich alles an Fauna und Flora vor, was einem beim Spazieren durch gemäßigt alpine Landschaft so begegnet: "fliagnpüz", "hollabisch", "schüdkäfa", "hasal", "kupfastecha", "schmettaling" und sogar "eichnprozessionsspinna".

Doch diese Natur ist immer auf den Menschen bezogen, der sie betrachtet, bewundert oder genervt zur Kenntnis nimmt: "i ko scho koa grea mea segn". Am besten liest man diese wunderbar unkonventionellen Poeme laut, auf einer Almwiese sitzend. So entfaltet die Poesie der Mundart am besten ihre Wirkung, und die wirkliche Natur rings um einen herum sieht gleich ganz anders aus. Abgründiger, vielschichtiger. Man muss es nur aushalten, das Paradoxe. Ob auf der Alm oder im Gedicht.