Ein seltener Vogel - ein Roman aus der DDR, der rundheraus lustig ist, respektlos, unterhaltsam, glänzend geschrieben, ja gibt’s denn das? Zumindest ein Exemplar davon gab es bis vor Kurzem im Archiv von Günter Kunert, der heuer seinen 90. Geburtstag feierte. Er hatte das Buch Mitte der siebziger Jahre geschrieben, selber nach Fertigstellung aber als "absolut undruckbar" klassifiziert, also gleich irgendwo in seinen Schubladen vergraben und schließlich ganz und gar vergessen, zumal er bald darauf die Möglichkeit wahrnahm, in den Westen auszureisen.

Als würdiges Geburtstagsgeschenk an sich und die lesende Welt zugleich ist das Büchlein nun erschienen und existiert hinfort in vielen, man hofft: sehr vielen Exemplaren (Günter Kunert: Die zweite Frau. Wallstein, Göttingen 2019, 200 S.). Nachdem ich mich kürzlich in diesem Blatt über Schriftsteller mokiert habe, die Träume in ihre Bücher einbauen, muss hier wieder einmal das Diktum von Marcel Reich-Ranicki herhalten: "In der Literatur kann man alles, wenn man es kann."

Der vorliegende Roman fängt nämlich gleich mit einem Traum an, worin der Held zu seinem erheblichen Missbehagen mit Walter Ulbricht zusammentrifft. Ein Gefühl von "Verlegenheit und Peinlichkeit" erfüllt ihn ganz, und "er stand immer noch mit der Hand des Staatsratsvorsitzenden in seiner eigenen da und überlegte, wie er seine Finger rasch und unauffällig zurückziehen und zugleich den Eindruck hervorrufen könne, diese Begrüßung sei ein Zufall, besser: ein Irrtum." Weiter geht es in der Geschichte mit nichts als Zufällen, dummen Zufällen und dummen Irrtümern sonder Zahl, von denen hier gar nichts weiter verraten werden soll - lesen Sie selbst!

Ein anderes Kaliber ist der nächste Roman, der, so wie der erste, aus Berlin stammt. Bruno E. Werner war ein erfolgreicher Journalist in der Weimarer Republik und, bei stark abnehmendem Erfolg, auch noch in der Nazizeit. Am Ende versteckte er sich auf dem Land in Bayern, um Freiheit und Leben über den absehbaren Zusammenbruch des schrecklichen Regimes hinüberzuretten. 1949 erschien dann das Buch, in dem all dies, in leicht literarisierter Form, erzählt wird (Bruno E. Werner: Die Galeere. Suhrkamp, Berlin 2019, 576 S.). Es ist ein Roman des sich Durchwurstelns, Durchschwindelns, während gerade die Welt untergeht. Zuerst meinen ja die guten Bürger und die ihnen zugehörigen Intellektuellen, dass man schon so irgendwie über die Runden kommen, dass das Ganze nicht so schlimm werden wird und überhaupt die Nazis "sich nicht lange werden halten können".

Hier wird erzählt, wie sehr man sich täuschen kann. Zu dem steht die Frage im Raum und ist nicht beantwortbar: Wie wäre eine Revolte zu bewerkstelligen (gewesen)? Es ist ein Roman des Mitmachens. Wie soll es denn anders gehen auf der Welt, als dass man wohl oder übel mittut? Gleich 1933 erklärt der neue "Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda" einer Versammlung von Schriftstellern und Journalisten:

"Sie wundern sich, meine Herren, dass wir uns in unseren Reden und unserer Propaganda immer nur an den einfachen, primitiven Mann von der Straße und nicht an Sie gewendet haben. Aber wir haben uns gesagt: mit dem Mann von der Straße kommen wir an die Macht, und wenn wir die Macht erst haben - dann kommen die Intellektuellen ganz von selbst." So war es und so ist es.

Andere Länder, andere Zeiten. Wieder einmal verdanke ich der Ö1-Literaturleiste um 11 Uhr vormittags einen Tipp: Die 1986 in Algier geborene, in Paris lebende Autorin Kaouther Adimi beschreibt in ihrem ersten ins Deutsche übersetzten, kurzen und sehr schönen Roman (Steine in meiner Hand. Übers. Regina Keil-Sagawe. Lenos, Basel 2017, 180 S.), wie es ist, wenn man von daheim weggeht, in die große Stadt. Dort wird man nicht heimisch, die Heimat bleibt einem und wird einem zugleich fremd, und eigentlich wäre es doch ganz nett, einen Mann zu finden und Kinder zu kriegen. Höchste Zeit, meint nicht nur die anstrengend fürsorgliche Mutter der Erzählerin, sondern auch Ihr treuer Chronist.