Auch Thomas Mann war umstritten, als er vor 90 Jahren, am 10. Dezember 1929, den Nobelpreis für Literatur überreicht bekam. Im Ersten Weltkrieg hatte er sich in den "Bekenntnissen eines Unpolitischen" mit zelotischem Eifer auf die Seite der kriegführenden deutschen Nationalisten gestellt, hatte eine gemütsbetonte östliche "Kultur" gegen die intellektbestimmte westliche "Zivilisation" ausgespielt - und sich nach Kriegsende und Niederlage entschieden eines Besseren besonnen.

In seinem vier Jahre vor der Nobelpreiskür veröffentlichten Meisterwerk "Der Zauberberg" hatte der nunmehr zum überzeugten Demokraten gewandelte "Großschriftsteller" (wie ihn Robert Musil despektierlich genannt hat) den inneren Zwist in glänzende Streitgespräche zwischen dem intellektuellen Humanisten Lodovico Settembrini und dem für totalitäres Denken aufgeschlossenen Jesuiten Leo Naphta übergeführt. Das Stockholmer Komitee indes konnte sich 1929 nicht dazu durchringen, die politisch brisante Novität zu würdigen. Sie verlieh den Preis stattdessen ausdrücklich für Manns fast 30 Jahre alten Erstling, das vergleichsweise behäbige Lübecker Familientableau "Buddenbrooks".

Die Nobelpreis-Urkunde, ausgestellt am 10. Dezember 1929 in Stockholm.  - © ETH Zürich
Die Nobelpreis-Urkunde, ausgestellt am 10. Dezember 1929 in Stockholm.  - © ETH Zürich

Gleichwohl verband in Deutschland die respektvoll in Feierlaune vereinigte literarische Öffentlichkeit die Ehrung weit mehr mit Manns ungleich anspruchsvollerem zweiten Hauptwerk. Darin wird nichts weniger als die Existenzfrage der Moderne verhandelt: Gleichberechtigung unterschiedlicher Ansichten und Lebensformen statt autoritärer Zurechtweisung und machtgeschützter Reaktion. Liberale Kompromissfähigkeit statt dogmatischem Absolutheitsanspruch. Zugespitzt: demokratische Freiheit statt fundamentalistischem Terror.

Wie Thomas Mann später zur Konzeption seines Romans erläuterte, "waren dazu Erlebnisse nötig gewesen, die der Autor mit seiner Nation gemeinsam hatte und die er beizeiten in sich hatte kunstreif machen müssen".

Kunstreif zeigt sich denn auch die schlichte Exposition des Romans: Ein Flachländer, "ein einfacher junger Mensch", wie es heißt, gerät ins Hochgebirge und wird krank. Oberhalb der Nebelgrenze verflüchtigt sich für ihn das gewohnte Raum- und Zeitmaß. Im geordneten Regelwerk des Sanatoriums Berghof zu Davos wähnt sich Hans Castorp, der junge Hamburger Schiffbauingenieur, schließlich wie in einer Arche der Zeitlosigkeit, geborgen in einer "ausdehnungslosen Gegenwart".

Was nun einsetzt, ist ein Bildungsroman, der zugleich mit seiner Parodie liebäugelt. Statt der ursprünglich geplanten drei Wochen wird Hans Castorp volle sieben Jahre im Berghof bleiben. Nicht mehr nur Deutsche, sondern "eine bunte Versammlung" von Europäern und Angehörigen fernerer Kontinente gruppiert sich in diesem Werk um die zentrale Heilstätte hoch in den Bergen: Engländer, Ungarn, Tschechen, eine Gruppe Polen, Russen "barbarisch reichen Ansehens", "Holländer von malaischem Kreuzungstyp". Auch eine männerabweisende ägyptische Prinzessin schneit herein. Die Sprachen schwirren durcheinander, Italienisch aus Settembrinis scharfzüngigem Mund, ganze Passagen Französisch im Liebesduett Castorps mit der verführerischen Madame Chauchat, auch Spanisch mit mexikanischem Timbre wird vermeldet.