Nicht immer ist man als Leser dem ausladenden Ästhetizismus des Erzählers unangestrengt gewachsen. Höhepunkte des Romans sind indes die mäandernden Disputationen des intellektuellen Humanisten Settembrini und des subversiven Wühlgeists Naphta vor den gelehrigen Ohren des "schlichten Helden" Castorp. Dabei erweist sich vor allem der manichäische Jude Naphta, streitbarer Apologet eines antikapitalistischen Gottesstaats, als gegenwartsnahe Figur: Seine Geisteskombinationen aus gemeinschaftlicher Entindividualisierung und religiös begründetem Terror sind im Zeichen islamistischer Bedrohung hochaktuell.

Naphtas Unterwerfungsgesinnung tritt im Rededuell gegen Settembrinis liberale Wertschätzung des einzelnen Menschen an und setzt schließlich auch die Selbsttötung als Druckmittel ein. Indessen hält am Ende auch der Humanismus des Freimaurers Settembrini, der die ganze Welt zu umarmen gedenkt, als Schönwetter-Ideologie dem Ansturm der nationalen Gefühle und zerstörerischen Kriegskräfte nicht stand. Zuletzt herrschen wieder Befehl und Gehorsam vor.

Letztlich ist "Der Zauberberg" ein Abschieds- und Winterbuch. Und dies nicht nur wegen des "Schneekapitels", in dem der ungeübte Flachländer Hans Castorp bei einer Skitour im Hochgebirge im tiefsten Schneetreiben nur mit knapper Not dem Erfrierungstod entrinnt, gestärkt durch die Erfahrung der Naturelemente und durch die Lebenszuversicht: "Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken."

Es ist dies die Antwort des zum "Vernunftrepublikaner" (ein Begriff Friedrich Meineckes) gewandelten Thomas Mann auf das mit kriegsbegeisterter Todessehnsucht herbeigerufene Weltkriegsinferno, das der Autor freilich erst mit dem Finale des Romans beginnen lässt.

Denn Hans Castorp, dieses "Kind des Friedens", wie er sich anfangs selber bezeichnet, hat seine todesverachtende Lebenseinsicht bald vergessen. Am Ende zieht auch er in den Krieg, aus dem er mutmaßlich nicht zurückkehren wird.