Boris Pasternak in den 1940er Jahren. - © afp
Boris Pasternak in den 1940er Jahren. - © afp

Am Anfang, im Rückblick, war die Wehmut. So blau waren die Augen der Julie Christie, so schmerzerfüllt das Antlitz der Geraldine Chaplin. Und dazwischen kämpfend die dunkle Gestalt Omar Sharifs, ein Ägypter in den Weiten Russlands!

Das war David Leans "Doktor Schiwago"-Film, lang ist’s her. Ein Welterfolg im Westen. Doch so gehalt- und stimmungsvoll die Bebilderung von Boris Pasternaks Roman sich auch zeigte: Sie war dazu angetan, nahezu eine ganze Generation von Kinogängern von einer Auseinandersetzung mit der literarischen Vorlage fernzuhalten.

Ein Versäumnis, das sich nachholen lässt. Wer das Buch zur Hand nimmt, vermag staunend zu entdecken, dass in "Doktor Schiwago" nichts Geringeres versucht wird als die Überwindung eines besonders lebensbedrohlichen Abschnitts der russischen Geschichte durch die Schönheit der Kunst. Die Geschichte des Arztes und Dichters Schiwago, der sich durch die kaum erträglichen Widrigkeiten des revolutionären Umbruchs vor und nach 1917 zu kämpfen hat und dabei allein durch die Liebe zweier unbeugsamer Frauen aufrechterhalten wird, erreicht in der Meisterschaft des Erzählers Pasternak den Rang eines Nationalepos.

Es beginnt mit einer Trauerfeier. "Man ging und ging und sang ‚Ewiges Gedenken‘. Und wenn die Stimmen verstummten, tönte der Trauergesang fort im Rhythmus der Schritte, im Geklapper der Pferdehufe und im Wehen des Windes." Begraben wird die Mutter des zehnjährigen Jurij Schiwago. Es ist das Jahr 1901, und der Knabe ist gleich alt wie der vor 130 Jahren, am 10. Februar 1890 geborene Autor.

Jurij, der sich als Dichter fühlt, studiert aus sozialer Verantwortung Medizin und heiratet seine Jugendliebe Tonja. Im Ersten Weltkrieg verschlägt es ihn an die Front. In einem Feldlazarett begegnet er Lara Antipova, die dort als Krankenschwester tätig ist. Gemeinsam mit ihr, die mit dem Revolutionsführer Pavel Antipov, genannt Strelnikov, verheiratet ist, durchlebt er die Februarrevolution 1917. Doch erst zwei Jahre später, als Jurij mit seiner Familie Zuflucht auf dem Gut Warykino im Ural gefunden hat, werden die beiden ein Liebespaar.

Omar Sharif als Doktor Schiwago in der Verfilmung von 1965. - © CC/Jaakko Julkunen Karjalainen
Omar Sharif als Doktor Schiwago in der Verfilmung von 1965. - © CC/Jaakko Julkunen Karjalainen

Die Revolution indes durchkreuzt in Gestalt roter Partisanen Schiwagos Rückzugswünsche. Sie überfallen den Doktor und kapern ihn für medizinische Dienste. Im Bürgerkrieg erlebt er unmenschliche Grausamkeiten, die in ihm jede Zuversicht auf eine Besserung nach dem Sieg der Bolschewisten rauben. Einmal schleudert er einem dünnblütigen Vertreter des revolutionären Materialismus eine Schimpftirade entgegen, die seinen Urheber ganz im Bann von Goethe zeigt, dessen "Faust" Pasternak während der Abfassung des Romans gerade übersetzte: "Umgestaltung des Daseins! So können nur Menschen reden, die vielleicht allerlei im Leben gesehen haben, die aber kein einziges Mal das Leben wirklich begriffen, den Geist des Lebens, seine Seele empfunden haben. Für sie ist das Dasein nur roher Stoff, der durch nichts veredelt wird und leblos daliegt, um von ihnen bearbeitet zu werden. Das Leben aber ist in Wahrheit niemals wesenlose Materie. Es ist das eine sich immer aus sich selbst erneuernde Prinzip, das ohne unser Dazutun wirken wird bis in alle Ewigkeit. Es ist unendlich erhaben über die Begriffe, die wir, Sie und ich, uns von ihm machen."

Boris Pasternak hat die ganze bittere Erfahrung auskosten müssen, der sich ein außergewöhnlicher Dichter im Sowjetsystem ausgesetzt sah. Er stand für ein Russland, das geistig und geschichtlich weiter gefasst ist als die sieben Jahrzehnte kommunistischer Herrschaft. In seinem Roman ließ sich - wie es Lara ausspricht - nachlesen, "was jetzt eben im Leben vor sich geht und mit dem Menschenleben in Russland".

So ist der Roman vor allem eine großräumige Feier des unzerstörbaren russischen Lebenswillens, ungeachtet der politischen und ideologischen Reglementierungen, von der Zaren- bis zur Sowjetherrschaft. Das müssen die Machthaber im Kreml klar erkannt haben. Also verweigerten sie dem Werk die Druckerlaubnis.

Pasternaks Roman, tief aus der russischen Tradition geschöpft, ist heute allgemein bekannt. Begonnen hat ihn der Dichter einst als Kulturoffizier der Roten Armee in Baden bei Wien. Als ihm 1958 dafür der Nobelpreis für Literatur zugesprochen wurde, musste er unter massivem Druck der Kreml-Führung den Preis ablehnen. Zwei Jahre später starb Pasternak, von den Anfeindungen entkräftet, 70-jährig in seiner Datscha im Moskauer Vorort Peredelkino.

"Der russische Dichter ist eine erstaunlich einsame, tragisch einsame Figur", schrieb einst Maxim Gorki und meinte die Klassiker des 19. Jahrhunderts, die sich oft in Kämpfen mit der Macht oder der zeitgenössischen Gesellschaft aufrieben. Nun hatte es den größten russischen Lyriker seiner Zeit wegen seines epischen Hauptwerks getroffen. Erst 1988, im Zuge der Perestroika, wurde "Doktor Schiwago" den russischen Lesern zugänglich gemacht.