Moritz Hürtgen, Chefredakteur der Satirezeitschrift "Titanic", rückt allerlei Ängsten dichterisch zu Leibe - auch der falschen Furcht vor Gedichten. - © CC/Harald Krichel
Moritz Hürtgen, Chefredakteur der Satirezeitschrift "Titanic", rückt allerlei Ängsten dichterisch zu Leibe - auch der falschen Furcht vor Gedichten. - © CC/Harald Krichel

Der Menschen Ängste sind mannigfaltig. Die einen fürchten sich vor Schlangen, andere vor dem Zahnarzt. Es gibt die Höhenangst, die Platzangst und natürlich die Zukunftsangst. Die einen geraten in Panik, wenn ein Gewitter aufzieht, die anderen, wenn ihr Handy keinen Empfang oder keinen Saft mehr hat. Phobien, so scheint es, sind heute verbreiteter denn je. Insofern verwundert es nicht, dass viele Menschen Angst vor Lyrik haben.

"Poesiephobie" mag diagnostisch noch nicht hinreichend erfasst sein, aber ein Verursacher dürfte feststehen: die Schule. Dort wurde vielen jungen Menschen das Gedicht als eine Art Schatzkästlein verkauft, dessen Inhalt sich erst mittels Interpretation erschließt. Vor allem aber wurde suggeriert, es gebe eine richtige Deutung, und wer die gefunden hat, der versteht urplötzlich, was der Dichter da "eigentlich" gemeint hat. Verse sind demnach immer verschlüsselt, hermetisch, und nur wer sie richtig entschlüsselt, ist ein guter Leser.

Anders gewendet heißt das: Wer ein Gedicht nicht versteht, ist doof. Nun ist diese Angst eigentlich völlig unbegründet, denn kein poetischer Raum ist freier, offener, weniger festgelegt als der lyrische. Und doch müsse man, so schreibt der Büchnerpreisträger Jan Wagner, "den Einwurf ernst nehmen, dieses ‚Verstehe ich nicht‘ eines zögerlichen Lesers, der die Schwelle nicht zu überschreiten vermag".

Wie aber bringt man ihn dazu, den Schritt zu wagen, hinein ins Offene der Poesie? Man kann es machen wie Moritz Hürtgen und Gedichte schreiben, die man als "niedrigschwelliges Einstiegsangebot" bezeichnen könnte. "Angst vor Lyrik"(Kunstmann, 2019) heißt das hübsch gestaltete Büchlein des "Titanic"-Chefredakteurs, und die dort verschiedensten "Ängsten" gewidmeten Verse reimen sich erstens und sind zweitens immer lustig. "Angst vor Terror, Krebs und Spinnen. / Angst, das Schreiben zu beginnen. / Angst vor einem weißen Blatt, / Angst des Dorfdepps vor der Stadt. // Fürchtet Mörder und Ganoven, / Fürchtet Schlaue wie die Doofen. / Doch wer fürchtet, der vergisst, / Dass die Angst am schlimmsten frisst, / Wenn es Angst vor Lyrik ist." Das ist mitunter witzig, oft aber auch nur witzelnd-banal, eher Blödsinns- als Unsinnspoesie, ganz sicherlich aber kein Grund zum Fürchten.

Eine echte Schwelle, über die man physisch treten kann, besitzt das Lyrik Kabinett in München. Dreißig Jahre alt wurde diese einmalige Institution im November 2019, und um sie und vor allem die Begründerin Ursula Haeusgen zu ehren, ist eine ganz besondere Anthologie erschienen: "Im Grunde wäre ich lieber Gedicht"(hg. von Michael Krüger und Holger Pils, Hanser, 2019) versammelt "drei Jahrzehnte Poesie" von Dichtern und Dichterinnen aus aller Welt, die in den Räumlichkeiten des Lyrik Kabinetts zu Gast waren. Dort, wo bei gut 50 Veranstaltungen pro Jahr Gedichte vorgelesen und über Lyrik geredet wird, findet sich auch eine der umfangreichsten Lyrikbibliotheken dieser Welt - ein echtes "Museum" der modernen Poesie, das so gar nichts Museales an sich hat, das man vielmehr Band für Band in die Hand nehmen und lesend erkunden kann. Schwellenangst muss hier niemand haben.

Wenn wir Gedichte lesen, so der französische Lyriker Claude Esteban, "wird etwas / von uns sich erheben // ein Hauch, etwas wie ein Lächeln zwischen den Steinen". Das gilt ohne Zweifel für die Gedichte von Christian Saalberg (1926-2006). Dieser bemerkenswerte Nebenberufsdichter, der eigentlich Dr. Christian-Udo Rusche hieß und seinen Lebensunterhalt als Anwalt und Notar verdiente, hat zu seinen Lebzeiten 24 Lyrikbände veröffentlicht und blieb doch ein Außenseiter des Betriebs. Der opulente Auswahlband "In der dritten Minute der Morgenröte"(Schöffling & Co., 2019) gibt nun Gelegenheit, die anfangs eher surrealen, später eher lakonischen Gedichte dieses lyrischen Einzelgängers kennenzulernen.

Vor allem in seinem letzten Lebensjahrzehnt hat Saalberg wunderbare Verse geschrieben, in denen der Tod schon spürbar und doch alles voller Leben ist: "Komm, großer Wind, wehe, lege ein Lächeln / auf mein Grab." Saalbergs Gedichte zeichnen sich aus durch eine angenehm unangestrengte Tiefe, durch ein bemerkenswertes Vertrauen in die Worte, in die Kraft des Schreibens als Mittel gegen die Vergänglichkeit. "Mit der Dichtkunst / ist das so: // Die Wörter wollen / aufgeschrieben werden, weiter nichts. // Gott weiß, warum."

Warum um Gottes willen sollte man davor Angst haben?