"Sie haben mir untersagt, durch eine Stadt, einen geographischen Punkt zu laufen; aber sie haben mir das ganze Universum überlassen", schrieb Xavier de Maistre im Revolutionsjahr 1790. Der savoyardische Offizier und Schriftsteller verbüßte gerade einen längeren Hausarrest - er hatte sich zur Unzeit duelliert. Der verordnete Rückzug inspirierte ihn zu einem außergewöhnlichen Logbuch mit dem Titel "Voyage autour de ma chambre" ("Reise um mein Zimmer"). Die Tradition des Reiseberichts über exotische Fernen ironisierend, erkundet de Maistre die ganz nahe, vermeintlich bekannte Alltagswelt. Der Mikrokosmos entpuppt sich bei genauer Betrachtung als universelle Schatzkammer, als Fenster zur Innenschau und als Tor zur Transzendentalphilosophie.

Das Werk wurde ein Riesenerfolg und begründete ein neues literarisches Genre, die Zimmerreise. Generationen von Schriftstellern haben seither ihren Blick für die "nahe Ferne" geschärft und diese aus der Reiseoptik erforscht. Ein spannendes Spektrum an dokumentarischen wie fiktionalen Zimmerreisen bietet das Buch "Reisender Stillstand. Eine kleine Geschichte des Reisens im und um das Zimmer herum" (S. Fischer Taschenbuch, 2016, 288 Seiten) des Konstanzer Literaturwissenschafters Bernd Stiegler, der das Genre recht weit fasst. Lassen Sie sich ein auf dieses Lese-Abenteuer - es erweist sich gerade jetzt, in Zeiten des erzwungenen Cocooning, als besonders lohnend. Stieglers Reisehandbuch entrückt nicht nur, wie Literatur ganz allgemein, in andere Welten; vielmehr regt es an zu eigenen Zimmer-Expeditionen, zu einer Wanderschaft, die vielleicht ungeahnte Freiräume erschließt.

Bernd Stiegler fördert einen bunten Reigen an Texten und Kunstprojekten zutage und beleuchtet diese aus (medien-)wissenschaftlicher Perspektive. Die ausgewählten Autoren beschreiben die Dingwelt akribisch, analysieren oder anthropologisieren die Objekte. Sie ergründen die Beschaffenheit der Dinge, ziehen deren Besitzer ins Bild, reichern die Kuriositätenkabinette mit Weltwissen an. Das Inventar wird aufgelistet, entfaltet ein Eigenleben, zieht den Bewohner in den Bann. Irgendwann hält auch der Zweifel Einzug ins Zimmer, destabilisiert das ganze Gefüge und macht den Innenraum zum Ort der Bedrängnis.

Wir reisen durch Hosentaschen, durch Schubladen, Häuser und Gärten, sogar durch Stadtviertel oder mit dem Zimmer (im Wohnwagen). Wir begleiten christliche Zimmerreisende und lernen Einrichtungsgegenstände als Etappen der Lebensreise, als meditative Pilgerstationen und Sinnbilder der Vergänglichkeit deuten - etwa in Marie O’Kennedys "Inventaire de ma chambre" (1887). Andere "Frauenzimmer" reflektieren auf ihren Zimmerreisen die gesellschaftlichen Beschränkungen der weiblichen Souveränität. So rückt die selbstbewusste Sophie von La Roche in "Mein Schreibtisch" (1799) ein ikonographisches Objekt ins Zentrum, um ihre innere Biographie wie auch die "äußere ,Autogeographie‘ der eigenen Existenz" (Stiegler) darzulegen. Auf 850 Seiten schildert sie ihren Schreibplatz samt allem, was darauf liegt, lässt den Blick auch über ihre Bibliothek gleiten oder fügt eine bloß imaginierte Italienreise hinzu.

Die Vertreter der Dekadenz hingegen fixieren ihre Sinne auf die Ästhetik der Interieurs. Der Adelige Des Esseintes in J.-K. Huysmans’ Roman "Gegen den Strich" (1884) treibt den Ästhetizismus im schummrigen Luxusrefugium auf die Spitze. Sein Versuch, die Natur durch Künstlichkeit zu ersetzen, ist freilich zum Scheitern verurteilt. Dem Medium digitaler Virtualität wiederum hat sich das Schweizer Künstlerduo Monica Studer und Christoph van der Berg mit der Einladung ins Hotel "Vue des Alpes" (Alpenblick) verschrieben. Das Haus existiert nur im Internet. Reservieren obligatorisch, Urlauben kosten- und risikolos.

Expeditionen durch Zimmer sind im Zeitalter von Skype und sozialen Medien etwas inflationär geworden. Bernd Stieglers Tour d’horizon aber inspiriert zu einer "Ethnographie der Nähe", die mehr eröffnet als eine simple Schlüssellochperspektive. Durch intensives Betrachten rücken wir das Vertraute wieder ein Stück von uns ab - und lernen es in seiner wahren Dimension zu entziffern: als Ausdruck unserer Innenwelt wie als kulturgeschichtliches Dokument.