Weil er ein "außergewöhnlich zuverlässiger, gewissenhafter und fleißiger" Lehrer ist, darf der junge George Harpole vorübergehend die Stelle des Schuldirektors einnehmen, da selbiger sich für ein halbes Jahr vom Dienst freistellen lässt, um diese Zeit an der sonnigeren englischen Südküste zu verbringen. So tauchen wir zusammen mit dem beflissenen Mr. Harpole in den Schulalltag in einem Kaff in Yorkshire mit seinen tausend skurrilen Kleinig- und Widrigkeiten ein, wir lernen schlimme Schüler kennen, nette und faule Schüler, Eltern und Lehrer aller Art und nicht zuletzt den Hausmeister, der Harpole gleich am ersten Tag seine erste empfindliche Niederlage bereitet. Das Ansinnen, zur Hebung des allgemeinen Patriotismus allmorgendlich die Nationalflagge zu hissen, wird mit Hilfe des Schulamts und der Hausmeistergewerkschaft volley abgeschmettert.

Überhaupt zeigt sich recht bald, dass Mr. Harpole die Kräfteverhältnisse an seinem pädagogischen Institut in jeder denkbaren Hinsicht schlecht eingeschätzt hat. Man leidet mit ihm und fürchtet sich für ihn vor jener größeren Katastrophe, die ständig dräut, doch freilich, Gott sei Dank, am Ende ausbleibt. Das Vergnügen an der Sache kommt nicht zuletzt daher, dass jeder selber einmal ein Schüler war, und auch wenn man mit den Feinheiten des englischen Schulsystems nicht vertraut ist, so macht das gar nichts: Das Schulische an sich kommt einem doch überaus bekannt vor (J.L. Carr:Die Lehren des Schuldirektors George Harpole. Roman. Übersetzt von Monika Köpfer, DuMont Verlag, Köln 2019, 288 Seiten).

Das Leben der sogenannten einfachen Leute dient gerne als Vorlage für Literatur, und wenn es sich auf dem Lande abspielt, kommt es üblicherweise in den Kategorien "Heimat-" und "Anti-Heimatroman" daher. Beide Möglichkeiten bringen notwendig eine Stilisierung mit sich, wodurch dieses Leben von nebenan mit einem Mal exotisch, geradezu fremdartig auf uns wirken kann.

Manchmal bringt jemand das Kunststück zuwege, dieser Stilisierung zu entkommen (Elias Schneitter: Ein gutes Pferd zieht noch einmal. Kyrene Verlag, Innsbruck/Wien 2019, 115 Seiten). Der Autor erzählt die Lebensgeschichte seines Vaters, die den größeren Teil des 20. Jahrhunderts umfasst, so trocken, äußerst knapp und zugleich mitfühlend, dass man sich geradezu wundert, wie sehr einen diese Zeitreise bewegt, wie sehr einen die Geschichten von Hausbau, finanziellen Nöten, beruflichen Turbulenzen, von Krankheiten und einer nie einfachen Ehe mitnehmen.

Aus ebendiesem Ort stammt mein Vater, und die Familie Schneitter und meine Großeltern waren praktisch Nachbarn. So hatte ich die außergewöhnliche Wahrnehmung, wie etwas, das man als einigermaßen bekannt vorausgesetzt hat, einem plötzlich, wie unerwartet von einer anderen Seite, in anderer Beleuchtung nahetritt - fast allzu nahe.

Ein Welterfolg von vor etwa zwanzig Jahren ist mir erst jetzt begegnet (Barbara Kingsolver: Die Giftholzbibel. Roman. Übersetzt von Anne Ruth Frank-Strauss, Piper Taschenbuch, München 2012, 592 Seiten) und sei hier in aller Kürze belobigt. Die Familie eines Baptistenpredigers aus den amerikanischen Südstaaten reist im Jahr 1960 in den Kongo, wo - in dem weltenfernen Flecken Kilanga - das Wort Gottes den Bewohnern nähergebracht werden soll.

Schon die Begrüßungszeremonie geht so ziemlich in die Hosen; die dortigen Frauen laufen traditionellerweise mit nacktem Oberkörper herum und werden zu ihrer Überraschung von dem neu eingetroffenen Vertreter Gottes auf Erden mit einer Strafpredigt der Sonderklasse bedacht. Zwar verstehen sie davon kein Wort, merken aber durchaus, dass die Stimmung nicht unbedingt sonnig ist. Ein eindrucksvolles Epos des Scheiterns auf allen nur denkbaren Ebenen, und dazu ein kaum bekanntes Kapitel Zeitgeschichte und Kulturgeografie. Es müssen nicht immer Neuerscheinungen sein!