Paul Celans Gedicht "Corona" wird zurzeit wieder öfter gelesen. - © ullstein bild - Heinz Köster
Paul Celans Gedicht "Corona" wird zurzeit wieder öfter gelesen. - © ullstein bild - Heinz Köster

Für Lyrikfreunde ist Corona natürlich nichts Neues. Wer als Poesieliebhaber genug hat von all den Corona-Tickern, Corona-Zahlen, Corona-Krisenszenarien, der liest inmitten dieser Pandemie am besten einmal täglich das Gedicht "Corona" von Paul Celan. Erschienen 1952 in dem Band "Mohn und Gedächtnis" (der auch die berühmte "Todesfuge" enthält), ist darin von Viren, Krankheit oder Atemnot keine Rede. Im Gegenteil: Es geht um Liebe, um sinnliche Freuden - und um die Zeit. "Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: / wir sind Freunde. / Wir schälen die Zeit aus den Nüssen / und lehren sie gehen: / die Zeit kehrt zurück in die Schale" - so beginnt dieses Gedicht, das zu den schönsten Celans zählt und in dem er vermutlich seine Liebe zu Ingeborg Bachmann in Verse gefasst hat.

"Wir sagen uns Dunkles", heißt es darin, und natürlich finden sich auch hier jede Menge kühne Metaphern und rätselhafte Bilder, aber ein "hermetisches" Gedicht ist das beileibe nicht, vielmehr ein Gesang an die Geliebte mit ganz weichem Rhythmus und einem berührenden Sound. "Es ist Zeit, (...) / daß der Unrast ein Herz schlägt. / Es ist Zeit, daß es Zeit wird. / Es ist Zeit." Wer mag, kann diese Schlussverse natürlich gut apokalyptisch auf die Corona-Gegenwart (Lockdown, Lockerungen usw.) beziehen. Aber eines wollte Paul Celan trotz aller Schwermut mit Sicherheit nicht sein: ein Prophet des Weltuntergangs. Sein Schrecken lag hinter ihm - der Holocaust, den seine Eltern nicht überlebt hatten, der ihn, den Davongekommenen, und seine Dichtung bis zu seinem Selbstmord 1970 in der Seine prägte.

Corona, das ist aber auch der Sonettenkranz, ein formal streng geregelter Zyklus aus 15 Sonetten. Der letzte Vers eines jeden Sonetts bildet dabei zugleich den Anfangsvers des nachfolgenden, und am Ende schließt sich das Ganze zur Kranzform mit dem 15., dem Meistersonett: Es besteht aus den 14 Eingangsversen der vorangegangenen Sonette. Das klingt nach reichlich Korsett und Formfesseln, aber wie wunderbar leicht die Corona ist, die am Ende herauskommt, zeigt Marion Poschmann in ihrem neuen Band "Nimbus" (Suhrkamp, 2020). "Die Große Nordische Expedition" heißt der Zyklus "in 15 Dioramen", und es geht darin um die mehrjährige Sibirienreise, die der deutsche Botaniker Johann Georg Gmelin ab 1733 unternahm. Unterwegs verbrannten fast alle Aufzeichnungen und gesammelten Dinge, was die Expedition zu einer existenzphilosophischen Erfahrung machte: "Die Welt stand still, und Gmelin: abgebrannt. / Die Gelder der Akademie - verpufft, / trieben als Asche in der kalten Luft / und sanken sanft in seine leere Hand."

Was bleibt von der Erkenntnis, wenn sie sich in Rauch und Asche aufgelöst hat? Und von dem Ich, das sich mit dieser ordnenden Naturerfahrung seines Platzes in der Welt vergewissern wollte? "Sein Ich fiel nicht mehr mit ihm selbst zusammen, / er hatte maßlos weiten Raum entdeckt." Marion Poschmanns großartiges "Nature Writing" in den vielfältigsten Formen (Gedicht, Roman, Essay) steckt voller Vergangenheit und ist dabei absolut zeitgemäß. Bei ihr erscheint der Mensch nicht mehr im Holozän (wie bei Max Frisch), sondern im Anthropozän, also in dem Zeitalter, in dem Natur ohne Mensch gar nicht mehr denkbar ist. Und so dichtet sie über "Farnfraktal", "Wolkenportale" und "Ordnungen der Wildnis" - Naturlyrik für das 21. Jahrhundert.

Von Schönheit und Fremdheit der Natur erzählen auch die Gedichte von Norbert Hummelt. Sein "Sonnengesang" (Luchterhand, 2020) verbindet Liebes- und Naturlyrik, (Stadt-)Naturwahrnehmungen und Kindheitserinnerungen. "noch einmal höre ich den ruf der ringeltaube noch / einmal höre ich u. bin zurück u. immer ist es sonntag / immer juni u. immer tönt der rufe der ringeltaube"Hummelts Verse sind wie immer wunderbar leicht, schwebend, von einer sanften Melancholie, lebensklug und wahrnehmungsscharf zugleich - und vielleicht gerade deshalb besonders tröstlich in diesen verrückten Corona-Zeiten.

Apropos Corona: Für gestresste Eltern sehr zu empfehlen ist "Jetzt noch ein Gedicht, und dann aus das Licht!" (Hanser, 2019), ein illustrierter Band mit "Gedichten zur guten Nacht". Er enthält reichlich Einschlafpoesie englischsprachiger Dichter, übersetzt von Autoren wie Nico Bleutge, Ulrike Draesner oder Daniel Kehlmann. "Wegzehrung für Träumer" sozusagen: "Bevor du gehst ins Träumeland / Drück nen Kuss in deine Hand / Spar ihn auf für schlechte Zeiten / Oder lass ihn dich begleiten". Poesie als Antidot gegen Corona-Albträume. Garantiert nur mit erwünschten Nebenwirkungen.