Der israelisch-amerikanische Autor Tuvia Tenenbom hat für sein neues Buch das Vereinigte Königreich durchstreift. - © Max Zerrahn/Suhrkamp Verlag
Der israelisch-amerikanische Autor Tuvia Tenenbom hat für sein neues Buch das Vereinigte Königreich durchstreift. - © Max Zerrahn/Suhrkamp Verlag

Regelmäßige Leser dieser Kolumne werden es wissen: Selbiger eignet, was man auf Englisch bias und auf Deutsch so nett Schlagseite nennt, und zwar eine starke, in Bezug auf Bücher und Themen, die etwas mit den Britischen Inseln zu tun haben. Das hat, wie so vieles, zuvorderst individuelle, biografische Gründe. Vor langer Zeit verbrachte ich einmal ein Jahr in einer grauen Stadt an der Nordsee und fing dort an, Bücher auf Englisch zu lesen, womit ich bis heute nicht mehr aufgehört habe.

Wenn ich nun in einem Buch auf diesen an sich unbedeutenden, für mich allerdings bedeutsamen Ort stoße, ist es mir ein besonderes Fest. Genau genommen ist es mir erst zweimal passiert, zuerst in den achtziger Jahren. Als Paul Theroux auf seiner britannischen Rundreise 1982 hier vorbeikam (Paul Theroux: The Kingdom by the Sea. 1983, Neuauflage 2006 bei Mariner Books, 368 Seiten), besuchte er dasselbe städtische Schwimmbad plus Sauna, das, in Ermangelung eines eigenen Badezimmers, fünf Jahre vorher für meine Reinigung zuständig gewesen war. Das Äußere des Gebäudes ließ ihn an "a Russian interrogation headquarters" denken.

Das zweite Mal begegnete mir "meine" Stadt nun im fünften von Tuvia Tenenboms Abenteuerbüchern (Tuvia Tenenbom: Allein unter Briten. Eine Entdeckungsreise. Übersetzt von Karen Witthuhn, Suhrkamp Verlag, Berlin 2020, 497 Seiten). Im Gegensatz zu anderen Reisenden fährt Tenenbom hier nicht durch, sondern nächtigt im noblen Hotel Indigo, das es zu meiner Zeit noch nicht gab, und isst in dessen Restaurant "phänomenal gut", etwas, das ihm vor vierzig Jahren an diesem Ort kaum passiert wäre. Was es damals schon gab und was anscheinend bis heute nicht geschwunden ist, das ist die Armut. Unser Autor kommt in "eine Gegend namens Hilltown" (dort, wo es gleich nördlich der Innenstadt steil bergauf geht), und "dieser gottverlassene Ort riecht nach extremer Armut". Wie wahr. Damals gab es in der Hilltown zwei Fish&Chips-Shops, die ich gerne um elf Uhr abends, wenn die Pubs schlossen, noch aufsuchte, und dann ging ich essend und mich mit dem Fett bekleckernd hinüber in die William Street, wo ich wohnte.

Diesmal ist das "Erlesen" ausnahmsweise ein literarisches Rätsel. Um welche Stadt handelt es sich? Der erste Einsender erhält jene Flasche schottischen Whiskys zugesandt, die ich vor ebenfalls schon ziemlich vielen Jahren gekauft habe und die aber, weil unsere Trinksitten sich änderten, bis heute unversehrt geblieben ist.

Ein Stück weiter südlich, im Norden von Yorkshire, und um einige Jährchen früher, nämlich 1946, spielt ein neuer Roman (Benjamin Myers: Offene See. Roman. Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. DuMont Verlag, Köln 2020, 267 Seiten). Ein junger, sehr junger Mann wandert kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs ziellos im Land herum auf der Suche nach etwas anderem als dem Kohlerevier, aus dem er kommt. Das ganz andere findet er südlich von Whitby in einer recht einsamen Bucht in Gestalt einer älteren, vollkommen unkonventionellen Frau, die dem Jungen die Dinge des Lebens näherbringt. Insgesamt eine etwas gezierte Angelegenheit, doch ist die herbe und doch einnehmende Landschaft jener Gegend schön eingefangen.