Albert Cohen (1895-1981) war Romancier und Diplomat. - © Bibliothèque nationale de France
Albert Cohen (1895-1981) war Romancier und Diplomat. - © Bibliothèque nationale de France

Ist es eine hochfliegende Liebesgeschichte? Oder eher eine bittere Zeitanalyse, ein langsam sich dem Schrecken öffnendes Zeitbild aus den Dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts? Dem Leser von "Die Schöne des Herrn", diesem Meisterwerk des jüdisch-schweizerischen Erzählers Albert Cohen, wird nach und nach klar: Der Roman ist beides und noch viel mehr. Es ist ein Vexierbild der Liebe in Zeiten heraufdräuender Pogrome. Und eine Schilderung dessen, was man landläufig eine Obsession nennt. Eine Leidenschaft, die ihresgleichen sucht. Die verzaubert, beglückt, verzehrt, letztlich zerstört.

Der Autor geht seine Romanexposition bedächtig an. Auf über hundert Seiten lässt er eingangs den vor Selbstbewusstsein strotzenden Adrien Deume, einen subalternen Beamten der Völkerbund-Diplomatie in Genf, sich auf eine Unterredung mit seinem Vorgesetzten Solal vorbereiten. Wird es eine Beförderung werden oder eine Degradierung? Als Adrien sich wider Erwarten in die diplomatische Oberklasse aufgenommen sieht, wirft er sich in die Brust und "schwelgt in der Wollust, ein bedeutender Mann zu sein".

Aber er ist nur der künftige Hahnrei. Denn sein Chef Solal hat sich auf einem Ball in die berückend schöne Frau des Untergebenen verliebt: in die ebenso hochmögende wie erotisch vernachlässigte Genfer Adlige Ariane Deume-d’Auble.

Zur alten Schule der Diplomatie gehört Zurücknahme der Person und Zurückhaltung im Ton. Albert Cohen, vor 125 Jahren - am 16. August 1895 - als Sohn jüdischer Eltern auf Korfu geboren, gehörte nach seiner Einbürgerung in die Schweiz 1919 selbst lange Zeit zum diplomatischen Corps im Genfer Völkerbund-Palast. Als Autor indes schickt er einen Gesandten der Verführung ins erotische Rennen, der gewohnt ist, rücksichtslos aufs Ganze zu gehen. Sein Don Juan erweist sich zunächst auch als ein Materialist ohne Skrupel und Glauben.

Doch nach mehr als einem Drittel des Romans zeigt Solal schlagartig Verantwortungsgefühl. Nun will er die geliebte Frau auf keinen Fall mehr verlieren, sorgt sich um sie, wenn er fern ist. Ein Liebender, der ob seiner jüdischen Herkunft Todesangst spürt. Die Mittelpartie des Romans setzt denn auch als das Hohe Lied der Liebe, als in den höchsten Sprachüberschwang gleitender Minnesang ein.

Wer liebt, kennt keine Grenzen. Also erzählt Cohen in grenzenlosen Formen. Fortwährend werden Zeit- und Handlungsebenen gewechselt, wird Geschichtenstoff hin- und hergewendet - manches nicht immer erzähllogisch leicht nachvollziehbar. Lange innere Monologe machen hochfliegenden Traumpassagen Platz, aufwendige Liebesepisteln gehen in Märchensequenzen über, kühne Assoziationen werden freigesetzt und kenntnisreiche Exkurse, vor allem zur jüdischen Geschichte, eingewoben.

Wortgewaltig entwickelt der an Proust und Joyce geschulte Autor ein Liebesepos und stimmt gleichzeitig dessen Travestie ins Triviale an, verhöhnt das Abgleiten in männlichen Machtrausch und weibliche Modeorgien. Mit großem Behagen wird die priapische Renommiersucht der Männer, ihr unablässiges Balzverhalten aufs Korn genommen und zugleich die bourgeoise Ergebenheit einer Genfer Patrizierin ironisiert, mit der man auch in horizontaler Lage per Sie verkehrt: Erst bleibt Ariane in ihren erotischen Wünschen eher zurückhaltend, blüht indes auf der gemeinsamen Flucht immer mehr auf und überfordert den mürbe werdenden Liebhaber schließlich in der isolierten Zweisamkeit an der Côte d’Azur nachhaltig.

Der Leser sieht sich eingesponnen in eine Überfülle des Erzählstoffs, der wie aus einer orientalischen Märchen-Zauberkiste hervorquillt. Cohens schelmische Übertreibungskunst hat unverkennbar etwas Donquichotisches.

Aber die Unverletzlichkeit der Liebe hält nicht an. Das Liebespaar flieht und lebt fortan in einer ungewissen Welt, die immer bedrohlicher wird. Die Exaltiertheit ihrer Gefühle resultiert aus der Gefährdung der beiden in einer rassistisch aufgeheizten Zeit. Hier erweist sich der Erzähler als wahrer Gefühls-Sezierer. Unerbittlich lässt er die beiden in das Verhängnis einer weltvergessenen Liebesblindheit taumeln. So dreht sich der finale dritte Teil des Romans längst nicht mehr um das Wohlleben der beiden, sondern ums Überleben oder Sterben. Ihr Ende hängt am Faden der Geschichte, der sie nicht entfliehen können.