Aldous Huxley, gezeichnet von Eric Pape, im Jahr 1929. - © Archiv
Aldous Huxley, gezeichnet von Eric Pape, im Jahr 1929. - © Archiv

Es muss erst schlechter werden, bevor es besser wird. In der Krise schlummert eine Chance, und nach der Katastrophe winkt das Paradies. So auch im bekanntesten Roman von Aldous Huxley: Erst nach dem Neunjährigen Krieg (Stichwort: Anthraxbomben) kann die "Schöne Neue Welt" entstehen, die doch zu schön ist, um erträglich zu sein. Zumindest aus der Sicht freiheitsliebender Individualisten.

Denn im "Weltstaat" - einen zweiten gibt es nicht - ist die persönliche Freiheit abgeschafft. Sie wird auch gar nicht vermisst: Dafür sorgt die Konditionierung der in staatlichen Labors ausgebrüteten Retortenbabys, später das "Emotional Engineering". Jeder wird gezielt in seine Gesellschaftsklasse und seinen Beruf hineingezüchtet, niemand will etwas anderes sein, als man eben ist, jeder liebt das, was er tun muss. Ein Social-Credit-System, wie es China tatsächlich implementiert hat, ist gar nicht nötig, da Fehlverhalten niemandem in den Sinn kommt. Frage an Radio Eriwan: Wird es im vollkommenen sozialistischen Staat noch eine Polizei geben? - Nein, bis dahin werden die Menschen gelernt haben, sich selbst zu verhaften.

Über Verhaftungen ist man in dieser über Jahrhunderte stabilisierten Zivilisation (die Handlung spielt um das Jahr 2540) freilich längst hinaus, und der Sozialismus ist mit der Konsumkultur zu einer Totalität des Glücks verschmolzen. Zerstreuung, Sex und Drogen für jeden, jederzeit. Niemand bleibt alleine, was zu tieferen Gefühlen oder Gedanken führen könnte, ist abgeschafft, emotionale Bindungen existieren nicht, Promiskuität ist Pflicht, denn: "Jeder gehört jedem." Bei Kummer aller Art hilft die Universaldroge Soma, "euphorisierend, narkotisierend, angenehm halluzinogen", stets verfügbar und ohne Nebenwirkungen.

So verbringen die Kinder des Weltstaates, abgesehen von der regierenden Alpha-Doppelplus-Elite und einigen allzu nachdenklichen Dissidenten, in froher Einfalt ihre Tage, entlastet von Entbehrungen, Erinnerungen, Sehnsüchten, Impotenz, Langeweile oder Einsamkeit, gefeit gegen Krankheiten und Alter. Das stellt sich dann mit 60 Jahren ein und führt sehr schnell zum Tod, den niemand fürchtet.

Nicht ganz so paradiesisch, aber dennoch fein versorgt lebt man in Deutschland gegen Ende des 21. Jahrhunderts, und das trotz Klimakatastrophe. Wenn sie nicht gerade in einer Gegend haust, die von der Regierung aufgegeben wurde, erfreut sich die (unfreiwillig reduzierte) Bevölkerung in Zoë Becks rezentem Thriller "Paradise City"(Suhrkamp, Berlin 2020, 282 Seiten) einer hocheffizienten Infrastruktur; Rassismus ist unbekannt, die Gesundheitsversorgung funktioniert ausgezeichnet. Wen interessieren da noch Politskandale und Korruption? Überwacht wird man freilich, doch diskret im Hintergrund, gelenkt werden die Bürger durch "Empfehlungen" und Anreize (heute nennt man das "nudging"). Ein brutaler, dabei primitiver Unterdrückungsapparat wie in George Orwells "1984" wird gar nicht mehr gebraucht.

Dystopien stehen ja gerade sehr in Blüte; offenbar kann man sich die Zukunft nur mehr als Katastrophe vorstellen. Es muss aber nicht gleich die Zombie-Apokalypse sein: Ein Gesundheitssystem wie in Zoë Becks smarter Diktatur kann man sich eigentlich nur wünschen, und genau das macht diese intelligente und leider sehr gegenwartsnahe Zukunftsvision so unangenehm. Das Glück im Huxley’schen Weltstaat dagegen erscheint uns so unbehaglich, weil es ohne Alternative ist. Alle Wünsche werden erfüllt, und das Ergebnis ist Sklaverei. Vielleicht ist das Streben nach dem Paradies ein Fehler.