Manche Nebenwerke sind wichtig, weil sie wie der unverzichtbare Teil von einem Hauptwerk erscheinen, der einem bisher unbekannt war. Kaum ist er da, gehört er dazu. Vorausgesetzt, das Hauptwerk ist für einen selber eines und nicht nur irgendein Buch.

- © Wagenbach
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Ein solches, das siebenbändige legendäre "Büro" des Holländers J.J. Voskuil, hat nun eine, man ist versucht zu sagen sinngemäße Ergänzung erfahren, sozusagen einen Band 7a, der chronologisch neben der bisherigen Reihe zu stehen kommt - der Herausgeber nennt es einen Satellitenroman. "Die Mutter von Nicolien" (übers. von Gerd Busse, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2021, 251 S.) erzählt von ebenjener, die man aus dem Hauptwerk schon kennt, weil sie dort regelmäßig besucht wird und auf die Katze aufpassen muss, wenn Maarten und Nicolien die allsommerliche Urlaubsreise unternehmen. Hier begleiten wir sie, genau datiert, von 1957 bis zu ihrem Tod 1985, und die Geschichte handelt von nichts anderem: dass die Schwiegermutter besucht wird oder zu Besuch kommt oder eben zur Katzenpflege vorübergehend einzieht. Später wird sie nach und nach vergesslich und dann verwirrt und immer verwirrter. Irgendwann kann sie nicht mehr alleine wohnen und muss ins Heim. Die leichte Schwebe zwischen dem Komischen, dem Lächerlichen, dem Ernsten und allen anderen möglichen Zuständen und Zwischentönen, die Voskuil so wunderbar beherrscht, behält er auch hier bis zum unausweichlichen, unausweichlich tristen Ende der Geschichte.

Das Schöne an der Literatur ist ihre Unerschöpflichkeit. Die Berühmten, die Klassiker sind bloß eine Art Wegweiser, damit man weiß, wo man sich ungefähr befindet. Auf den Äckern, den Beeten, in den Wäldern dazwischen geht es erst richtig los, und dauernd gibt es Überraschungen.

- © DuMont
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Das gilt insbesondere für die englische Literatur, und gerade eben wurde ich wieder einmal einer Überraschung im besten Sinne teilhaftig (Rose Macaulay: Ein unerhörtes Alter. Roman. Übers. von Irma Wehrli, DuMont, Köln 2020, 298 S.). Welches ist nun das "unerhörte" Alter, das uns die Autorin näherbringen möchte? Der englische Titel, "Dangerous Ages", lässt darauf ebenso schließen wie der Roman selber: Es handelt sich um so ziemlich alle erdenklichen Lebensalter. Die Jugend verliebt sich schrecklich-schmerzlich und riskiert zu allem Überfluss beim Radfahren Kopf und Kragen; in einem scheinbar weniger drastischen Sinn geht es auch bei der mittelalterlichen Heldin um Kopf und Kragen. Sie hat die Kinder endlich aus dem Haus und muss etwas finden, dem sie den Rest des Lebens widmen möchte; ihre Mutter hingegen zählt sich mit 63 schon selber zum alten Eisen, was heute niemandem mehr einfiele, obwohl es vielleicht trotzdem stimmt.

Sie erlebt eine solche Leere in sich und um sich herum, dass sie in ihrer Verzweiflung der Psychoanalyse in Gestalt des einnehmenden, scharfsinnigen Mr. Cradock verfällt, der ihr den Sinn des Lebens wiedergibt durch kaum mehr, als dass er ihr allwöchentlich eine Stunde lang zuhört. Ein heiteres und kluges Buch über die englische Mittelschicht der Zeit um 1920, dessen Bekanntschaft gemacht zu haben mich auf weitere Begegnungen mit dieser Autorin hoffen lässt.

- © Dörlemann
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Im dritten Buch aus dem heutigen Programm bezieht die verwitwete Mrs. Palfrey ein Hotel, das per Inserat um Leute wie sie wirbt: solche, die nicht gerade reich sind, aber ihren Lebensabend auf einigermaßen standesgemäße Art zubringen möchten (Elizabeth Taylor: Mrs Palfrey im Claremont. Roman. Übers. von Bettina Abarbanell, Dörlemann, Zürich 2021, 252 S.). Die Autorin, zeitlebens und bis heute vom unermesslichen Ruhm ihrer Namensvetterin verschüttet, wird glücklicherweise seit einigen Jahren als großartige Schriftstellerin gewürdigt, und dies ist der vierte Roman, der nun auf Deutsch neu herauskommt. Elizabeth Taylor schreibt Bücher, die gerne als "still" bezeichnet werden, weil darin nur sogenannte gewöhnliche Leute mit einem durchaus gewöhnlichen Leben vorkommen. Aber wie das gemacht ist!