Kaum jemand spricht so gern über das eigene Handwerk wie der Verseschmied. Lyriker besprechen Lyrik, übersetzen Lyrik, geben Lyrik heraus, halten Vorlesungen über Lyrik. Die kundigsten Führer durch das Reich der Poesie sind die Poeten selbst, und wer Gedichte mag, der sollte unbedingt lesen, was ihre Schöpfer über diese Gattung zu sagen haben.

"Poesie für Anfänger" (übersetzt von Renate Schmidgall, Hanser, 2021) nennt der jüngst verstorbene polnische Autor Adam Zagajewski seine Sammlung von Essays. Und wie man es von diesem wunderbar bescheidenen, lakonischen, witzigen und absolut uneitlen Dichter erwarten durfte, spricht er darin nur ganz selten von sich selbst und viel lieber über andere: über Bekannte (W.G. Sebald, Zbigniew Herbert) und - zumindest hierzulande - Unbekannte (Janusz Szuber, Utz Rachowski). Wer danach keine Lust verspürt, die Werke dieser Autoren selbst zur Hand zu nehmen, ist für die Poesie vermutlich für immer verloren. Auch dazu, warum es Dichter zur "essayistischen Aussage" drängt, hat Zagajewski eine durchaus selbstironische These zu bieten: Es sei "der Versuch, den Abgrund zwischen den beiden Hauptbestandteilen der poetischen Welt zuzuschütten - zwischen dem Beständigen und dem Unbeständigen, dem Vorhersehbaren und dem Ungezügelten, zwischen Literatur und Epiphanie".

- © Hanser Berlin
© Hanser Berlin

Vielleicht haben Lyriker aber auch einfach nur das Gefühl, dass ihr Tun besonders erklärungsbedürftig ist. Einer der besten Erklärer in eigener Sache ist zweifellos Jan Wagner, und auch in "Der glückliche Augenblick"(Hanser Berlin, 2021) beweist er wieder einmal seine Klasse. Ganz gleich, ob er über klassische Autoren, Zeitgenossen oder den Zusammenhang von Lyrik und Fotografie schreibt - was als "beiläufige Prosa" annonciert ist, erweist sich als leichtfüßiges, fröhliches Lob der Dichtkunst. "Wenn für jedes geknipste Urlaubsfoto dieser Welt eine Gedichtzeile gelesen würde, müsste sich kein Lyriker mehr fragen lassen, warum um Himmels willen er sich einer solch brotlosen Profession verschrieben habe; niemand müsste sich die üblichen Stellungnahmen von Literaturveranstaltern anhören, man wisse schon, die Lyrik, kein leichtes Feld, aber man könne es dennoch einmal versuchen, am Tag darauf komme dafür der gefeierte Blut-und-Leichen-Thrillerautor aus Norwegen." Im Falle Wagners, der zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Lyrikern zählt, klingt das ein wenig arg kokett, denn ein derartiges Mauerblümchendasein fristet die Lyrik im Literaturbetrieb längst nicht mehr.

Insofern schießt auch Ben Lerner weit übers Ziel hinaus, wenn er in seinem Essay fragt: "Warum hassen wir die Lyrik?"(übersetzt von Nikolaus Stingl, Suhrkamp, 2021). Niemand hasst die Lyrik (außer vielleicht ein paar Schüler, die damit gequält werden), sie ist den meisten vermutlich schlicht egal oder sie haben allenfalls Angst vor ihrer angeblichen "Schwerverständlichkeit". Lerners Erklärungsversuch hat deshalb etwas von Spiegelfechterei an sich, und nur wenn man ihn als bewusst überzeichnete Provokation liest, versteht man halbwegs, warum ausgerechnet die Lektüre miserabler Gedichte eine Methode sein soll, "wenn auch negativ, jenes Echo poetischer Möglichkeit zu spüren".

- © C.H. Beck
© C.H. Beck

Nico Bleutge würde von dieser Methode vermutlich abraten, und wer "Drei Fliegen"(C.H. Beck, 2020), sein wunderbares Buch "über Gedichte", liest, weiß am Ende nicht nur, warum man lieber gute Gedichte lesen sollte, sondern auch, woran man gute Gedichte erkennt: Dichten heißt "die Optik des Halbschlafs auf die Wachwelt, die sogenannte empirische Wirklichkeit zu richten und das Zusammenspiel zur Sprache zu bringen", und wenn das daraus gewonnene Produkt es schafft, unsere Weltwahrnehmung zu weiten und das Versprachlichte auch körperlich spürbar zu machen (dem Gedicht wohne ein "denkender Gefühlsleib" inne, schrieb der schwedische Dichter Gunnar Ekelöf einmal), dann ist es das, was man "gelungen" nennen kann. Bleutge schreibt nicht nur ungeheuer sinnliche - im Sinne von "auf alle Sinne gerichtete, mit allen Sinnen gedichtete" - Verse, sondern macht auch in seinen essayistischen Texten eindringlich spürbar, dass dieses Verseschmieden mehr als nur ein Handwerk ist.

Das Verfassen von Gedichten ist ein meditativer Schwebezustand, und ohne den Willen zum Staunen, zum Verzicht auf vorgefertigte Wahrnehmungsmuster entsteht allenfalls das, was Gottfried Benn als gut gemeint, aber das Gegenteil von Kunst bezeichnet hat. Bei Jan Wagner heißt es lakonisch: "Wer Gedichte schreibt, bleibt ewig jung. Und wer sie liest, auch." Die Lyrik als ewiger Jungbrunnen - "a poem a day keeps the doctor away", sozusagen. Und das ganz ohne unerwünschte Nebenwirkungen.