Wir befinden uns im nördlichen Yorkshire unserer Tage bei einer Kleinfamilie, in deren Schoß ein Knabe sich durch ausgesucht blöde, pubertäre Aufführung hervortut. Die Mutter meint entschuldigend: "Teenager zu sein ist schwer, ihre Hormone veranstalten ein Chaos, sie sind oft erschöpft ..." Der Ex-Freund der Mutter denkt sich hiezu: "Aber was war mit Generationen von Teenagern, die mit vierzehn (nur wenig älter als Nathan!) die Schule verlassen und in Fabriken und Stahlwerken und Kohlezechen gearbeitet hatten? (Jacksons eigener Vater und dessen Vater vor ihm zum Beispiel.) Oder Jackson selbst, mit sechzehn zum Militär, eine Jugend, die von Autoritäten in Stücke gebrochen und später, als er schon ein Mann war, von ihnen wieder zusammengesetzt worden war. War diesen Teenagern, darunter ihm selbst, die Schwäche chaotischer Hormone erlaubt gewesen? Nein, das war sie nicht."

- © DuMont
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Der Herr ist von Beruf Privatdetektiv und Held einer Reihe von Romanen, deren neuestem diese Vignette entnommen ist (Kate Atkinson: Weiter Himmel. Roman. Übers. von Anette Grube, DuMont, Köln 2021, 476 S.). Kate Atkinson hatte gleich mit ihrem ersten Roman "Familienalbum" von 1995 großen und verdienten Erfolg; der Erfolg ist geblieben, nicht zuletzt wegen des erwähnten Privatdetektivs Jack Brodie, der mit seinem reschen, gewissermaßen bodenständigen Mundwerk einen laufenden Kommentar zum Zeitgeist und seinen Blüten abgibt. Man muss nicht unbedingt ein Krimi-Fan sein, um die Jack-Brodie-Geschichten zu mögen, sie sind raffiniert gebaut, überraschend, lustig und voller berührender Details.

- © Hanser
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Und schon wieder ist die Neuübersetzung eines Klassikers zu vermelden. Iwan Gontscharow ist für ein einziges Buch berühmt: Es heißt nach dem Helden "Oblomow", und dieser Herr ist dafür bekannt geworden, dass er sich praktisch sein Leben lang zu gar nichts aufraffen kann, und sein großartiger Kammerdiener auch nicht. Den Roman gibt es in der hervorragenden Neuübersetzung von Vera Bischitzky schon fast zehn Jahre, und jetzt dürfen wir im Erstling des Autors eine Art Vor-, Früh- oder Nebenform des ansteckendsten Gähners der Weltliteratur bewundern (Eine gewöhnliche Geschichte. Roman. Übers. von Vera Bischitzky, Hanser, München 2021, 511 S.). Alexander Adujew, genannt Sascha, kommt frisch vom Land, bis zur letzten Sekunde umhätschelt von seiner liebenden Mama, zwanzigjährig nach St. Petersburg, um es in der Hauptstadt zu etwas zu bringen, als Beamter, als Literat und als Liebender. Die wenig mitfühlende Umwelt und sein nüchtern-strenger Onkel sorgen verlässlich dafür, dass das nicht gerade glattgeht - aber lesen Sie selber. Ein schöner russischer Klassiker, bisher wohl immer noch nicht allgemein bekannt.

- © Steidl Verlag
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Der Dritte im heutigen Bunde ist kein Klassiker, sollte aber einer sein bzw. werden - schon wegen des Namens: Kann man englischer heißen als Marmaduke Pickthall? Sein Buch, erstmals 1918 auf Englisch erschienen (Die Taube auf der Moschee. Unterwegs im Orient. Hrsg. und übers. von Alexander Pechmann, Steidl Verlag, Göttingen 2021, 238 S.), kommt dem Leser so freundlich, gut gelaunt und neugierig entgegen, wie man nur sein kann, und bringt diesen sogleich in die selbe Stimmung. In einer komplett hysterisch gewordenen Zeit wie der unsren, in der ununterbrochen irgendwer irgendwen als Rassisten beschimpft und ganze Länder pauschal als rassistisch abqualifiziert werden (allerdings nur solche mit weißer Mehrheitsbevölkerung), ist es ein besonderer Genuss, jemanden kennenzulernen, der vor 100 Jahren gelebt hat und alles Mögliche gewesen sein mag, aber eines sicher nicht: ein Rassist. Nebenbei kann er gut erzählen und schätzt, was man auf Englisch eine tall story nennt, also eine Geschichte, bei der schwer zu sagen ist, ab welchem Punkt sie wohl nicht mehr buchstäblich der Wahrheit entspricht.