Es ist schon seltsam, was man der Literatur so alles abverlangt. Eine sehr beliebte Forderung etwa lautet, Schriftsteller und Autorinnen müssten umgehend auf aktuelle gesellschaftliche Ereignisse reagieren. Nach 1989 konnte es die Literaturkritik kaum erwarten, endlich den großen Wenderoman zu lesen. Das dauerte bekanntlich, und wer weiß, ob nicht eher die Summe der vielen kleinen Wenderomane inzwischen den einen großen ergibt. Jetzt soll es der Klimawandel sein, der unbedingt literarisch bearbeitet werden soll, dabei fehlen ja noch der islamistische Terror, der Aufstieg der Rechtspopulisten, Donald Trump, die Ära Merkel ... Ach ja, und da wäre natürlich auch noch die Corona-Pandemie, die unbedingt im Roman beackert werden sollte, und zwar möglichst schon morgen.

Gut, dass wir die Lyrik haben, denn die ist kurz und kann deshalb wunderbar auf alles reagieren, was den Dichtern und der Welt, in der sie leben, widerfährt. "Poesie und Pandemie" heißt der jüngste Gedichtband von Safiye Can (Wallstein, 2021), und darin findet sich die für die 1977 geborene Autorin typische Mischung aus Lakonie, politischem Engagement und bissigem Humor. Etwa wenn sie die Mühen der "Liebe zur Quarantäne-Zeit" beklagt. Sie sitzt in Offenbach, er in Wien: "Die Grenzen sind zu / für alle Liebenden, mein Liebster / jedes Umarmen bleibt verboten / und wir dürfen nicht zueinander finden." Nur um gleich darauf eine wunderbare Pointe zu setzen: "Was selbstverständlich sehr schade wäre / wenn wir uns nicht vorher schon / getrennt hätten. // Welch ein Glück." Und die lange, aus 16 Einzelgedichten bestehende poetische Bilanz des ersten Pandemiejahrs, die dem Band den Titel gibt, ist höchst fein beobachtete, erfrischende und vor allem alles andere als wehleidige Lockdown-Lyrik: "Was haben wir dieses Jahr desinfiziert. // Wir haben dieses Jahr desinfiziert / unsere Hände und alles, was uns in die Hände fiel." Und: "Uns sind die Hefen ausgegangen in diesem Jahr / die Nerven und die Geduld."

- © Margit Krammer
© Margit Krammer

Cans Verse sind gewohnt nah am Leben, kommen aber nur noch selten mit dem Sentenz- und Poesiealbumanspruch daher, der manche ihrer früheren Gedichte etwas ruiniert hat. Welch ein Glück!

Ein paar schöne Corona-Gedichte finden sich auch in Steffen Menschings "In der Brandung des Traums" (Wallstein, 2021). Auch hier dominiert die Lakonie über alle Depression: "Kindergartenkinder husteten / sich in die Armbeugen und unterließen / die lebensgefährliche Angewohnheit / zu popeln oder an den Nägeln / zu kauen." Und auch die anderen Gedichte dieses Bandes zeigen, wie wunderbar unprätentiös und einfallsreich der Alltag zu Literatur werden kann: "Deine besten Gedichte erscheinen in der Nacht / zwischen zwei Träumen wie unverhoffter Besuch, / kein Wort zu viel, kein Wort zu wenig, erklären sie / die Leben, die Liebe, die Lüge und reimen sich / ohne Gleichklang".

Ganz nah an Leben/Liebe/Lüge sind auch die neuen Gedichte von Dirk von Petersdorff ("Unsere Spiele enden nicht", C.H. Beck, 2021). Er lehrt als Germanist in Jena, doch seine Verse sind, obzwar mit allen lyrischen Wassern gewaschen, nie professoral. Fruchtgummis werden darin ebenso bedichtet wie der Schwimmkurs oder der Mohair-Pullover. Die Gegenwart lappt bei Petersdorff immer ein wenig wehmütig in die Vergangenheit, und das Wissen um die Vergänglichkeit jedes poetischen Augenblicks verleiht seinen Versen eine leise, nie überhandgewinnende Melancholie. Die Romantik (Jena!) wird hier alltäglich, der Alltag romantisch.

- © Voland & Quist
© Voland & Quist

Dem "blauen Augenblick" huldigen auch die deutlich ernsteren, auch dezidiert lyrischeren Gedichte der 1955 geborenen Ingrid Mylo ("Überall, wo wir Schatten warfen", Voland & Quist, 2021). Hier ist nicht nur der Moment, sondern der Mensch vergänglich, und so dominieren eindeutig die dunkleren Töne und Bilder: Schatten, Nacht, Tod - und vor allem die Farbe des Seelenblues. "Einmal noch / die Feder eines Eichelhähers / zwischen die Stunden legen: zum schnelleren Auffinden / des blauesten Augenblicks."

Mylos Gedichte sind von bemerkenswerter Sinnlichkeit: die Farben und Geräusche der Natur, der Geschmack von Mirabellen, Blumen und Blüten - all das kann die düstere Grundstimmung nicht vertreiben, aber es zeigt die Lebenskraft der Poesie: "Dort, wo die Grenze des Dunklen / Aufruhr wird, Vegetation, / läßt sich vergessen, woher / die Traurigkeit rührt."

Wo Gefahr ist, wächst bekanntlich das Rettende auch. Und was wäre rettender als die Poesie?