Im günstigen Fall bietet die Literatur uns ein umfängliches, rundes Bildungsprogramm: Landeskunde, Geschichte und Zeitgeschichte, mit (wohlgemerkt im günstigen Fall!) treffenden und einprägsamen Anmerkungen etwa zur Besonderheit der Gegend, von der die Rede ist. Island zum Beispiel, um 1960, an jenem Punkt seiner Geschichte, an dem die Moderne beginnt. Eben war man noch bitterarm, plötzlich verdient man Geld, mit dem man sich ein Kleid, ein Radio oder gar - Sensation! - ein Auto leisten kann. In der vorhergegangenen bäuerlichen Epoche gab es weder das Geld noch etwas, das man sich dafür hätte kaufen können.

- © Insel
© Insel

Und die jungen Leute ziehen in die Stadt. Die Stadt ist Reykjavik, eine andere gibt es nicht im Angebot, und selbst hier kennt jeder jeden. In diesem Roman (Auđur Ava Ólafsdóttir: Miss Island. Übers. von Tina Flecken. Insel, Berlin 2021, 236 S.) lernen wir die Heldin kennen, 22 Jahre alt, als sie gerade im Bus sitzt, um endlich in die Stadt zu gelangen, auf dem Schoß James Joyces "Ulysses" und ein Wörterbuch. Viele schwierige Wörter! Sie kommt mit der Lektüre nur langsam voran.

Dort in der Stadt gibt es viele Buchhandlungen und viele Dichter - man bekommt den Eindruck, ungefähr jeder zweite Einwohner schreibe gerade an einem Meisterwerk in spe. Sie ist wild entschlossen, eine von ihnen zu werden, obwohl das für Frauen in der bisherigen isländischen Ordnung der Dinge nicht vorgesehen war. Zum Geldverdienen fängt sie in einem Hotel im Service an; dort verkehren auch einige ältere Herrschaften, die es an einer gewissen Zudringlichkeit nicht fehlen lassen. Einer von ihnen besonders: Er verspricht der jungen Frau, er werde dafür sorgen, dass sie zur kommenden Wahl zur "Miss Island" nicht nur aufgestellt, sondern diese auch gewinnen werde. Wie sie es fertigbringt, ihrem Traum treu zu bleiben, und es am Ende sogar bis in den Süden Europas schafft (diese unglaubliche Hitze!), lesen wir mit Spannung und Anteilnahme, und am Ende der Geschichte haben wir, eben ganz nebenbei, ein Bild davon bekommen, wie es in Island vor 60 Jahren gewesen sein dürfte.

- © Steidl Verlag
© Steidl Verlag

Dasselbe gewissermaßen noch einmal von vorn, jetzt aber in Pennsylvania, um 1980 mit einer etwas jüngeren Heldin (mitten in der seelischen Achterbahn, auch als Pubertät bekannt). Libby, die Erzählerin der Geschichte, hat ziemlich viele Geschwister, und als sie alle gemeinsam, am Abend des letzten Schultags, von der Mutter heimkutschiert werden, führt sich die frohe Schar unmöglich auf, also ganz altersgemäß. Die Mutter ist bereits fuchsteufelswild, und irgendwann gehen ihr die Nerven durch. Sie hält mitten im Wald und befiehlt Ellen, etwas jünger als Libby, sie solle auf der Stelle aussteigen. Dies geschieht, man fährt in angespanntestem Schweigen nach Hause, und Libby hofft inständigst, die Mutter möge umdrehen, Ellen wieder einsammeln und alles wäre dann wieder wie vorher.

Das aber geschieht nicht, vielmehr hat die unüberlegte Aktion die schlimmsten Folgen, obwohl Ellen zunächst unbeschadet wieder daheim auftaucht. Der ganze Roman ist nebenbei ein Lehrstück nach dem Motto "Was alles schiefgehen kann". (Una Mannion: Licht zwischen den Bäumen. Übers. von Tanja Handels. Steidl, Göttingen 2021, 344 S.)

- © DuMont
© DuMont

Von einer an dieser Stelle bereits sehr gelobten Autorin sind jetzt zwei Bücher als Taschenbuch wiederaufgelegt worden (Kate Atkinson: Lebenslügen. 445 S.; Liebesdienste. 510 S. Beide übers. von Anette Grube, DuMont, Köln 2021). Abgesehen von den Vorzügen, die an Atkinsons Literatur schon beim letzten Mal hervorgehoben wurden, hat man bei diesen beiden ganz besonders und anhaltend den Eindruck, als sei das Leben in seiner niederschmetternden Gesamtheit nach "Murphy’s Law" aufgebaut. Leute, die auch sonst Krimis lesen, können dadurch ja kaum aus dem Gleichgewicht gebracht werden - wenn es nur am Schluss auf diese gewisse Weise gut ausgeht. Das erkennt man auch hier daran, dass der Held (Polizist oder Privatdetektiv) die Sache, wenn auch mehr oder weniger lädiert, lebendig übersteht.