Vor beinahe vierzig Jahren erschien eine legendäre Gedichtanthologie mit dem schönen Titel "Welches Tier gehört zu dir? Eine poetische Arche Noah". Herausgegeben hatte sie der 2019 verstorbene Peter Hamm, und wer weiß, vielleicht hatte die Meinungsforscherin Sabine Beinschab ja ein wenig drin geblättert, bevor sie auf die Idee kam, die Strahlkraft von Politikern mit Hilfe der Tierwelt zu messen. Der Delfin Kurz, der Pfau Kern, das Wildschwein Doskozil, der Deutsche Schäferhund Strache: Diese politische Arche Noah (oder eher Titanic?) ließe sich aufs Feinste lyrisch begleiten. Denn bei Tiergedichten herrscht nach wie vor erstaunliche Diversität. Von Artensterben keine Spur.

Das beweist aufs Schönste der nun erschienene Band mit ausgewählten Gedichten von Ted Hughes: "Wodwo" (übersetzt von Jan Wagner, Hanser Berlin, 2022). Den 1998 verstorbenen Lyriker kannte man hierzulande bisher vor allem als Ehemann der Dichterin Sylvia Plath, deren Selbstmord 1963 in erster Linie ihm angelastet wurde - nach einer sechs Jahre währenden Beziehung, die irgendwann vom Produktiven ins Toxische kippte. Dass Hughes einer der größten britischen Lyriker des 20. Jahrhunderts war, davon zeugt diese zweisprachige Ausgabe (mit einem sehr instruktiven Nachwort von Jan Wagner). Der kryptische Titel bezeichnet einen sagenhaften wilden Mann aus den Wäldern Yorkshires, und die Wildnis nimmt auch in Bezug auf die Fauna großen Raum ein: Nicht nur Rehe, Hasen und Honigbienen kommen vor, sondern auch der Otter, der Bär sowie jede Menge Vögel und Fische. In "Habicht auf einem Ast" ist das lyrische Ich sogar das des Raubvogels: "Ich sitze im Waldeswipfel, die Augen geschlossen / In reinem Nichtstun, kein falscher Traum / Zwischen Hakenkopf und Hakenkrallen, / Oder probe im Schlaf perfektes Töten, fresse."

Es ist keine idyllische Natur, die uns hier entgegentritt, sondern eine, in der das Gesetz des Stärkeren gilt. Zugleich weisen die Gedichte stets über das einzelne Tier, die einzelne Pflanze hinaus auf das Ganze der Schöpfung und des Daseins. So ist der Bär nicht einfach ein Bär, sondern er "schläft / In einem Königreich aus Mauern / In einem Netz von Flüssen. // Er ist der Fährmann / ins Totenreich. // Sein Preis ist alles."

- © Hanser
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Einige fein beobachtete Tiergedichte finden sich auch in Anja Kampmanns zweitem Lyrikband, "Der Hund ist immer hungrig" (Hanser, 2021). Ihre Natur ist nie weit von der menschlichen Zivilisation entfernt, und ihr lyrisches Getier ist domestiziert: Schafe, Rinder und Hunde. Auch bei Kampmann ist die Natur nicht die große Trösterin, kein Zufluchtsort für zivilisationsmüde Städter. "das war die gute zeit // in der man über maulwürfe sprechen konnte / und wusste, womit man es zu tun hat." Die nicht-animalischen Gedichte dieses Bandes strahlen ebenfalls etwas Melancholisch-Dystopisches aus, dem allerdings die sprachliche Eleganz und die Genauigkeit des poetischen Blicks etwas beinahe Trotziges entgegensetzen. Illusionslos schön - so könnte man die Lyrik der 1983 geborenen Autorin charakterisieren.

Einen gewissen Trotz strahlen auch die Gedichte von Christoph W. Bauer aus. "an den hunden erkennst du die zeiten" (Haymon, 2022) heißt sein neuester Lyrikband, und man ist verleitet, eher umgekehrt zu fragen: Welche Hunde könnten für diese quälenden Zeiten stehen, die wir gerade erleben? Der zähnefletschende Pitbull, der röchelnde Mops, der abgemagerte Streuner? Bauer hat keine Antwort darauf, und in seinen Gedichten geht es auch weniger um die Vierbeiner, sondern um die Zeiten. "nichts läuft dir davon nicht einmal die zeit" - das gilt zumindest für das Gedicht, in dem immer Gegenwart ist, oder genauer: in dem sich Zeiten und Räume zusammenführen lassen zu einer lyrischen Gegenwart. In ihr vereinen sich gegenwärtige Wahrnehmungen, Erinnerungen an die Kindheit und Jugend sowie Vermutungen über die Zeit "die uns folgen wird", und dieses Ineinander von Zeiten und Orten versteht Bauer stets kunstvoll abzubilden: mit doppeldeutig changierenden Satzzusammenhängen und mäandernden Enjambements, die ein fein gewobenes poetisches Geflecht ergeben. Besonders eindrücklich zeigt sich das an den neun Gedichten des Zyklus "vuattanes vuattanes" (unter diesem Namen wurde das Tiroler Wattens im 10. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt). Der jeweils letzte Halbvers eines Gedichts bildet den Beginn des folgenden, bis sich am Ende der "Kranz" wieder schließt - "ein silbernes wellenband", sanft schwebend durch Zeit und Raum.

Und was die Hunde angeht: Am besten halten wir es da mit den alten Römern und ihrem "cave canem" - nur nicht zu nahe kommen, dem Getier.