Die ebenso vorlaute wie altkluge Hetty ist gerade im Begriff, die Abschlussprüfung an ihrer Schule zu machen, um dann (hoffentlich) mit einem Begabtenstipendium ins nahe Cambridge zu gehen und so mit einem Streich ihrem trauten Heim, dem Heimatort und überhaupt der ganzen schrecklich öden, sumpfigen und geisttötenden Gegend, in der sie lebt, zu entkommen. Eine unerwartet heftige Auseinandersetzung mit dem tyrannischen
Vater gipfelt darin, dass ihr der Ernährer der Familie eine Tracht Prügel verabreicht; daraufhin überstürzt sich der geplante Aufbruch in die Welt und gerät ungemein turbulent - zumal sich herausstellt, dass der Prügelverabreicher gar nicht Hettys leiblicher Vater ist.

- © DuMont
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So wird aus der Abenteuerfahrt in die "wirkliche" Welt zugleich eine Suche nach den "wirklichen" Eltern, von Hetty selbst erzählt, unnachahmlich trocken und urkomisch. Sie scheint entschlossen, allen Unsinn, den ihr die Welt der Erwachsenen zu bieten hat, zunächst einmal tapfer hinzunehmen, hält sich aber niemals zurück, ihre respektlosen Kommentare dazu abzugeben. Und so gerät die Beschreibung des England der Achtziger Jahre zugleich als Fazit des seinerzeit schon betagten Autors J. L. Carr: dass nämlich dieses Land auf dem besten Weg scheint, ein für allemal vor die Hunde zu gehen (Leben und Werk der Hetty Beauchamp. Roman, übersetzt von Monika Köpfer, DuMont Verlag, Köln 2022, 269 Seiten).

- © Berlin Verlag
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Nun ein Buch, das zwar aus England kommt, aber so etwas wie ein Innsbrucker Heimat- und Familienroman ist. Freilich - erfunden ist daran gar nichts (Meriel Schindler: Café Schindler. Übersetzt von Erica Fischer, Berlin Verlag, Berlin 2022, 477 Seiten). Der Untertitel gibt beinah eine Inhaltsangabe: "Meine jüdische Familie, zwei Kriege und die Suche nach Wahrheit". Die Autorin, die als Anwältin in London lebt, begibt sich nach dem Tod des Vaters an den Ort, wo sie einige Jahre ihrer Jugend verbracht hat und wo ihre Großeltern das legendäre Kaffeehaus im Herzen der Stadt betrieben, bevor sie im letzten Moment, ihrer Besitztümer beraubt, sich nach England retten können. Unmittelbarer Auslöser für ihre Recherche ist der chaotisch überbordende Nachlass des Vaters. Für mich als Eingeborenen, dessen Großeltern und Eltern in jener Zeit auch hier lebten, also dabei waren, ist das eine ungemein bewegende Lektüre. Und bei all dem Entsetzlichen, das den Juden damals zugefügt wurde und von dem hier die Rede ist, ist man am Ende froh, dass wenigstens diese zwei Leute nicht nur überlebt haben, sondern nach zermürbenden juristischen Gefechten auch ihr Café wieder zurückbekommen haben.

- © Hanser
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Der Dritte im Bunde ist, wie schon etliche Male an dieser Stelle, ein neu übersetzter Klassiker: "Lord Jim" von Joseph Conrad (Roman, übersetzt von Michael Walter, Hanser Verlag, München 2022, 639 Seiten). Ein großartiges Leseerlebnis und auf überraschende Art und Weise ein aktueller Beitrag zu den Themen Kolonialismus und Globalisierung, beides Begriffe, die gerade von den Zeitgeist-Verwaltern okkupiert werden, um den weißen Mann ein für allemal als das verabscheuungswürdigste Wesen auf Gottes weiter Erde festzuschreiben. Dass das alles vielleicht etwas vertrackter sein könnte, wird uns in der Geschichte von dem jungen englischen Seemann, der in dem einen entscheidenden Augenblick versagt und danach seiner verlorenen Ehre so lange vergeblich nachläuft, bis er sie erst im Tode wiederfindet, nur fast nebenbei, dabei aber umso eindrücklicher dargelegt.

In einer Zeit, da mitten im aufgeklärten Europa plötzlich die Stammeszugehörigkeit wieder wichtig geworden ist, wird es noch lustig sein zu beobachten, welches Etikett dieser bedeutende Vertreter der englischen Literatur aufgeklebt bekommt, der als Sohn aus dem polnischen Kleinadel in Russland zu Welt kam, in dem Ort Berdytschiw, der heute (man ist versucht zu sagen: derzeit) in der Ukraine liegt.